GÄNSEHAUT

PROTHESEN

 

Eine Anthologie

der Lesebühne am

Brüsseler Platz


Herausgegeben von

Wolfgang Delseit

Adrian Kasnitz

und Enno Stahl

 

mit einem Vorwort von

Sabine Brenner-Wilczek

 

 

 

Cover

Bücher der Nyland-Stiftung

Köln 2007

160 Seiten - 6,50 Euro

ISBN: 978-3-936235-17-3

 

 

Lyrik und Prosa von Autoren der Lesebühne am Brüsseler Platz: u. a. Guy Helminger, Adrian Kasnitz, Thomas Krüger, Stan Lafleur, Enno Stahl.

 

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Der Charme der rauhen Oberfläche

»Gänsehautprothesen« heißt die erste Anthologie der Kölner Lesebühne

 

»Jede These ist eine Prothese«, hat Derrida einmal behauptet - jede Aussage ist Anknüpfung, Anschluss, Fortsatz. Eine spezielle Form davon wird nur in Köln produziert: »Gänsehautprothesen«. Sie sind klein und dunkelblau, und - wie es sich gehört für semiologische Produkte - man kann sie lesen.

Wenn die Initiatoren der »Lesebühne am Brüssler Platz« ihre erste Textanthologie in stolzen Großbuchstaben »GÄNSEHAUTPROTHESEN« nennen, beweisen sie den Mut, hiermit sowohl auf die Künstlichkeit, das »Gemacht-Sein« von Literatur zu verweisen als auch eine heftige Reaktion einzufordern: Gänsehaut kommt unkontrollierbar, über uns, wenn wir uns »berührt« fühlen. Aber eine »Prothese« setzt immer an, wo etwas fehlt: Dies ist genau das, was die Lesebühne in den Räumen derNyland-Stiftung mit ihren Live-Vorträgen geleistet hat. Sie hat der literarischen Off-Szene in Köln nicht nur einen neuen Ort geschenkt, sondern sie auch »zum Laufen gebracht«: Hier bewegt sich etwas, seit nunmehr über drei Jahren. Wie produktiv diese Zeit gewesen ist, beweist das etwa 160 Seiten starke Buch mit Beiträgen von dreißig AutorInnen.

Nachzulesen sind natürlich Texte von Adrian Kasnitz, Achim Wagner und Enno Stahl, die 2004 das Projekt ins Leben riefen und es seitdem als Organisatoren und selbst vortragende Autoren begleiten. Aber auch Texte von den vielen unterschiedlichen »Gästen« aus allen Ecken der Republik: Karin Fellner (München), Marc Degens (Berlin), Gerald Fiebig (Augsburg) oder Christoph Wenzel (Aachen). Nach einer Gemeinsamkeit der hier versammelten Stimmen zu fragen ist ebenso verlockend wie - am Ende - unbeantwortbar. Durchgängig ist allenfalls die Freude am Lebendigen, Alltäglichen und Gegenwärtigen: Das reicht von den bukowskiesken Kneipenidyllen des Wahlberliners HEL bis zu, den feinen, anspielungsreichen, immer aber »sinnlich« bleibenden Lyrikminiaturen Thorsten Krämers.

Weltentrückt-Ätherisches wird man in dieser Anthologie vergeblich suchen. Hier greift ein weiteres Mal das Prinzip »Gänsehaut«: Alle Texte legen es auf jeweils eigene Weise auf Reaktionen an, wollen berühren und kommunizieren. Dass in seltenen Fällen hierbei Details etwas unfertig scheinen - wie bei Enno Stahl, in dessen »real-sozialrealistischer« Prosa eine Champagnerflasche wenige Zeilen später zum profanen Sekt degradiert wird - ist mehr als verzeihlich. Auch das gehört zu dieser besonderen und kostbaren Bühne am Brüsseler Platz: Alles bleibt im Prozess.

Jan Valk, StadtRevue (4/2007), S. 58

 

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