Der Nachlaß Josef Wincklers im Nyland-Archiv Köln. Ein Beitrag zur Forschung.

Bio-bibliographische Notiz

Der Name Winckler steht im neuen deutschen Schrifttum groß und urwüchsig da. Urwüchsig wie seine westfälische Landschaft mit Eichenknurren, dunkelschattenden Buchenwäldern und verknauften Waldhecken, aber auch mit weitem Blick für das moorige Land.

Der am 7. Juli 1881 auf der Saline Gottesgabe in Bentlage (heute Rheine/Westf.) geborene rheinisch-westfälische Schriftsteller Alfred Joseph Werner Winckler war zu Anfang seiner literarischen Karriere - nach einer - wie er selbst immer betonte - erfüllten Kinderzeit in Hopsten, Jugendjahren in Kempen und Krefeld, einem Studium in Bonn und Assistentenzeit in Berlin und Hildesheim - Knappschaftszahnarzt in Moers und Homberg (1907-1925). Schon während der Studienzeit veröffentlichte er 1904 mit zwei Bonner Studienfreunden, Wilhelm Vershofen (1878-1960) und Jakob Kneip (1881-1958),einen ersten Lyrikband, der unter dem Titel Wir Drei! in Bonn bei Röhrscheid und Ebbecke erschien und von der Öffentlichkeit positiv aufgenommen wurde.

Mit Kneip und Vershofen, der inzwischen mit Wincklers jüngeren Schwester Gustava verheiratet war, gründete er 1912 den Bund der Werkleute auf Haus Nyland, der seinen Namen vom Wincklerschen Stammhaus in Hopsten bei Rheine entlieh. Der 'Bund' war eine lockere Verbindung von Schriftstellern und Malern, die sich künstlerisch mit der Industrie- und Arbeitswelt auseinandersetzten und häufig im Haus Nieland zusammentrafen.

Bei aller programmatischen Verschwommenheit entsprachen die 'Werkleute' den bildungspolitischen Vorstellungen der (nichtkommunistischen) Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften doch weit mehr als der 'Kulturbolschewismus' jener linken Bohème, die sich, angesichts der Revolten und Aufstände, dem Proletkult verschrieben hatte. Auch verriet das Ziel ihrer Bemühungen, die kulturelle Förderung und Integration des 'vierten Standes', im Hinblick auf die Bewußtseinslage der deutschen Arbeiterschaft, daß sie die gesellschaftlichen Verhältnisse realistischer einschätzten als beispielsweise die Aktionisten und Dadaisten.

Die Intention der 'Werkleute' entsprach keineswegs dem, was man heute unter dem Begriff 'Arbeiterliteratur' subsumiert: Anders als z.B. bei der Dortmunder Gruppe 61 um Fritz Hüser und Max von der Grün oder dem Werkkreis Literatur in der Arbeitswelt fehlten den 'Werkleuten' (gewollt?) jene sozialkritischen oder umweltbewußten Aspekte, die z.B. die Zusammenhänge zwischen Industrie und Umweltverschmutzung, Arbeitsrealität und Arbeiterrealität oder Kapital und Herrschaft aufdeckten. Pathos, Technikbejahung und Verklärung kennzeichneten die Sprache der 'Werkleute'. Retrospektiv bewertete Winckler den 'Bund' über 30 Jahre nach dessen Gründung:

Erstmals wurden in diesem Bunde auch Dichter, Maler, Industrielle, Kaufleute, Philosophen und Arbeiter gemeinsamer schöpferischer Arbeit auf nationaler Grundlage vereint gegen Wirtschaftsimperialismus, Mammonismus, Materialismus aus einem durchaus lebensbejahenden dynamischen Weltgefühl im Gegensatz zur fin de siècle-Stimmung, Reichsverdrossenheit, politischer Verhetzung, gegen die Doktrin der Arbeitsverelendung und aufgerufen, jene ungeheuren Lebensmächte, die moderne Forschung und Technik dem Menschen erschlossen, nicht in selbstzerstörerischer Negation zu mißbrauchen, sondern zu positiver Lebensgestaltung schöpferisch zu steigern, im Glauben, daß wir erst am Anfang des technischen Zeitalters ständen und alle Maschinenstürmer Narren seien! Wie sehr hat uns die Entwicklung recht gegeben - aber die Beschwörungen verhallten, eine gigantische Vernichtung zog herauf! Uns war das Zeitproblem also kein technisches, mechanistisches, sondern durchaus ein moralisches! In diesem Sinn feierten wir auch die Arbeitsfreude, den Stolz auf die unerhörte Gewalt, den Triumph des Werktätigen und gaben die ersten Industriemappen heraus, die keine Kollwitz-Gestalten, keine Zille-Typen zeigten, sondern den selbstbewußten Arbeiter wie den verantwortungsbewußten Industrieführer, die Würde des Werkmannes, die Mission des Industriellen!

Schriftsteller wie Gerrit Engelke (1890-1918), Carl Maria Weber (1890-1953), Karl Bröger (1896-1944), Heinrich Lersch (1889-1936), Max Barthel (1893-1975) oder Otto Wohlgemuth (1884-1965) und Maler wie Ernst Isselmann (1885-1916), Franz M. Jansen (1885-1958) oder Carlo Mense (1886-1965) gehörten neben Winckler, Vershofen und Kneip dem 'Bund' an bzw. waren ihm freundschaftlich verbunden. Zu den Förder- und Ehrenmitgliedern zählten der Vorsitzende der Berliner Handelsbank und spätere Reichsaußenminister Walter Rathenau (1867-1922) und der Lyriker Richard Dehmel (1863-1920), dem die 'Werkleute' im Herbst 1913 ein Sonderheft widmeten.

Zwischen 1912 und 1914 gaben Winckler und Vershofen die Zeitschrift Quadriga heraus, die dem 'Bund' als Forum der literarischen Auseinandersetzung diente, mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs aber eingestellt wurde. Nun beteiligten sich der 'Bund' und Winckler an der allgemeinen propagandistischen Unterstützung des Krieges. Mit ihren 'Kriegsgaben' Das brennende Volk und Schulter an Schulter. Gedichte von drei Arbeitern versuchten die 'Werkleute', den Krieg zu legitimieren. Winckler selbst legte eigene Beiträge mit hymnischer Lyrik in den Büchern Mitten im Weltkrieg und Ozean - Des deutschen Volkes Meeresgesang vor.

Nach dem Ende des Krieges, der Auflösung des alten Wertesystems und der Erkenntnis des eigenen Versagens, zog sich Winckler zunächst aus der literarischen Produktion zurück, um sich zu besinnen. Zwar lebte der 'Bund' durch die Herausgabe der neuen Zeitschrift Nyland als Nachfolgerin der 'Quadriga' beim renommierten, national-konservativen Verlag Eugen Diederichs erneut auf, und Winckler war wieder als Herausgeber tätig, aber sein Engagement bei den 'Werkleuten' blieb im Gegensatz zur Vorkriegszeit wesentlich schwächer. Er veröffentlichte in Nyland ausschließlich Beiträge, die vor 1918 entstanden waren. 1919 heiratete er Adele Gidion (1895-1951), die aus einer wohlhabenden Kölner Kaufmannsfamilie stammte. Zu dieser Zeit arbeitete er bereits an seinen nihilistischen, stark expressionistisch eingefärbten Büchern Der Irrgarten Gottes und Der chiliastische Pilgerzug.

Obwohl Winckler seine Zahnarztpraxen in Homberg und Moers nominell bis 1925 aufrecht erhielt, ließ er sich zu Anfang der zwanziger Jahre immer häufiger vertreten. Er hatte sich für den Beruf des Schriftstellers entschieden und arbeitete nun systematisch am Aufbau seiner literarischen Karriere. Seinen Durchbruch erzielte er 1923 mit dem 'großen Wurf' Der tolle Bomberg - Ein westfälischer Schelmenroman, mit dem er sich aus der persönlichen Krisis der Nachkriegszeit - wie er in späteren Jahren immer wieder betonte - durch Lachen befreit hat. Während Winckler sich bis dahin fast ausschließlich mit Themen der Industriewelt beschäftigt hatte, griff er nun heimat- bzw. regionalverbundene Themen auf. Dies scheint umso erstaunlicher, als innerhalb eines Jahres zwei völlig unterschiedliche, ja gegensätzliche Bücher erschienen: Einerseits der destruktive, lebensverneinende Pilgerzug, andererseits der lebensbejahende, nach persönlicher Unabhängigkeit strebende Kraftprotz Bomberg - quasi als gesellschaftliches Gegenmodell. Dieser Antagonismus war wohl nur in dieser Phase persönlicher Desorientierung möglich, die die innenpolitischen Ereignisse bis hin zur Besetzung des Ruhrgebiets 1923 bei Winckler hinterließen.

Wohl mehr aus persönlicher Eitelkeit denn beruflicher Notwendigkeit promovierte Winckler 1923 - nach einem Praktikum in der Orthopädie der Universität Münster - zum Dr. dent. an der Universität Köln. Seine bei dem Kölner Professor Dr. Zilkens verfaßte, mit sehr gut bewertete, interdisziplinäre Dissertation Kunsttheoretische Untersuchungen über die graphische, malerische und plastische Darstellung der Zahnheilkunde erscheint wie die Vorarbeit zum 1928 erschienenen Historien-Roman Doctor Eisenbart, dessen historischer Gestalt und Rezeptionsgeschichte er viel Aufmerksamkeit widmet. Es folgten u.a. die Bücher: Pumpernickel - Kindheitserinnerungen über Hopsten und Haus Nieland, Die Weinheiligen - Lustige Anekdoten um die Rhein/Weinreise dreier Heiliger, Im Schoß der Welt - Der zweite Teil seines Müttermythos' in Prosa, Fest der Feste - Weihnachtsgeschichten auf Haus Nyland, Der Westfalenspiegel, und als letzte zu Lebzeiten erschienene Erstveröffentlichung Die Luther-Bibel.

Daneben veröffentlichte Winckler noch weitere Lyrikbände, mit denen er sich auf seine eigentliche literarische Vorliebe besann. Mit den Eisernen Sonetten gelang ihm die Integration des Themas Arbeitswelt in die bürgerliche Literatur und damit sein literaturgeschichtlich wichtigster Beitrag. In seiner lyrischen Lieblingsform, dem Sonett, überhöhte er die Industrie- und Arbeitswelt emphatisch und pathetisch. In dem 1923 erschienenen Gedicht- und Prosabuch Der Ruf des Rheins betonte er seine Verbundenheit mit dem Rheinland. Und den ersten Teil seines Muttermythos' Das Mutterbuch hielt er persönlich für seine ausgereifteste, seine gelungenste Dichtung, unter deren fehlender Anerkennung er bis zu seinem Tode litt. Darüber hinaus sind zahlreiche Einzelveröffentlichungen nachgewiesen, die sich in den Lyrikbüchern nicht wiederfinden.

Das Wincklersche Oeuvre umfaßt aber nicht nur Werke, die sich mit der Region Westfalen oder dem Thema Industriewelt beschäftigen, sondern auch einen Umwelt-Roman (Der Großschieber), eine Musiker-Novelle (Adelaide - Beethovens Abschied vom Rhein), ein Chinabuch (Die heiligen Hunde Chinas, aus dem Nachlaß) und einen Medizin-Roman (Die Operation, aus dem Nachlaß.

Über seine schriftstellerische Tätigkeit hinaus trat Winckler häufig als Mitherausgeber hervor. Neben den o.g. 'Werkleute'- Zeitschriften gab er bereits 1909-1912 in Thüringen mit Wilhelm Vershofen die Jenaer Vierteljahreshefte für Kultur und Freiheit heraus
[Nachtrag 1999: Die politische Zeitung wurde allein von Vershofen herausgegeben. Dieser bot Winckler 1912 an, die Zeitung weiterzuführen und als Mitherausgeber zu fungieren. Aus diesem Verlagsunternehmen entstand dann die Zeitschrift Quadriga] und betreute mit Josef Ponten (1883-1940) im Jahre 1925 anläßlich der Jahrtausend-Feier Das Rheinbuch - Festgabe rheinischer Dichter. Der Versuch mit Detmar Heinrich Sarnetzki, das Athenäum - Jahrbuch rheinischer Dichtung (1948) zu begründen und damit den Bundes Rheinischer Dichter wiederzubeleben, scheiterte; es erschien nur in einer einzigen Ausgabe.

Aus dieser - unvollständigen - Zusammenstellung ist ersichtlich, daß Winckler literarisch außerordentlich produktiv war. Hiervon zeugen auch die vielen noch unveröffentlichten Manuskripte, die im Nyland-Archiv, Köln, lagern und bearbeitet werden; so der Roman Midas oder die Goldenen Ohren, die Novelle Jan von Weerth oder Das Vakuum, in dem er sich mit den Jahren 1933-45 beschäftigte.

Der 'longseller' Der tolle Bomberg, von dem bis heute über 750.000 Exemplare verlegt wurden, ist Wincklers bekanntestes Buch und begründete seinen - von ihm nicht immer geschätzten Ruf - als westfälischer 'Heimatdichter'. Bis heute besetzt die Wincklersche Kraftfigur die Phantasie der Menschen. Die Popularität der Figur zeigt sich u.a. auch in der zweimaligen Verfilmung (1932 mit Hans Adalbert von Schlettow und 1957 mit Hans Albers in der Titelrolle) und an den vielen 'Bombergiana' (Winckler), die das Buch zur Folge hatte (Bomberg-Schnaps, Bomberg-Brot etc.). Der finanzielle Erfolg des Buches ermöglichte Winckler seit 1923/24 endlich, das Leben eines freien Schriftstellers zu führen; eben so wie er es sich - seinem großen Vorbild Richard Dehmel folgend - vorgestellt hatte: Ein luxuriöses Leben mit großer persönlicher Freiheit. Er besaß zeitweise mehrere Wohnsitze in Köln, Bonn und Honnef. Ausgedehnte, mehrmonatige Reisen führten ihn durch Europa; mindestens einmal jährlich besuchte er ein Kurbad; und bei Lesereisen lernte er viele kleinere und größere Städte Deutschlands kennen.

Kein Schriftsteller, der zwischen 1933 und 1945 in Deutschland publizierte, kommt umhin, mit der Frage konfrontiert zu werden, inwieweit er sich der nationalsozialistischen Ideologie und ihrem Kulturapparat gleichsam verschrieben hatte. Wincklers Verhalten während des Nationalsozialismus ist exemplarisch für das vieler Schriftsteller, die wie er das zutiefst Inhumane des 'Dritten Reiches' anfangs verkannten. Die Jahre der NS-Terrorherrschaft überstand er durch Anpassung an die vorgegebene Kulturnorm. Es fehlen allerdings die allgemein üblichen politischen Bekenntnis für das System. Winckler ließ sich nicht zu Elogen auf den Führer oder die Unterzeichnung von 'Deutschen Bekenntnissen' hinreißen; und er führte auch - anders als z.B. Heinrich Lersch, Maria Kahle oder Josefa Berens- Totenohl - keine offiziellen Reden für das unmenschliche System. Einzig seine Anpassungsbereitschaft, die Mitarbeit an der Kulturfassade des Dritten Reich (Thomas Mann), die Widmung des 'Großschiebers' sowie dessen im April 1933 geändertes Schlußkapitel des Buches, in dem er der veränderten politischen Lage Rechnung trug, können Winckler zum Vorwurf gemacht werden. Allerdings änderte er die Motivkreise seiner Werke gegenüber der Weimarer Zeit während der NS-Herrschaft nicht, denn schon seine frühe Lyrik kennzeichnet sich durch die Betonung eines nationalen Gedankens frei von Chauvinismus!

Da er im Sinne der nationalsozialistischen 'Rassegesetzgebung' mit einer Jüdin verheiratet war, mußte er durch sein Werk Wohlverhalten dokumentieren, um seine Frau vor der rassischen Verfolgung zu schützen, bis sie noch 1943 mit einer Sondergenehmigung in die Schweiz ausreisen durfte.

Eine endgültige Bewertung dieses Lebensabschnittes kann wohl erst nach der vollständigen Sichtung der Korrespondenzen und der kritischen Analyse seiner Erinnerungen Das Vakuum erfolgen. Aber insgesamt gilt für Wincklers Haltung gegenüber den Nationalsozialisten sicherlich das, was Peter de Mendelssohn schon 1953 in seinem Versuch über Gottfried Benn feststellte, als er die Kategorien bestimmte, in welche die in Deutschland verbliebenen Schriftsteller, die nicht auf der Ausrottungsliste der Tyrannen standen, einzuordnen seien:

Hier begegnen wir dem totalen Träumer, dem echten und dem vorgeblichen, mit dem naiv-unschuldsvollen Unvermögen, die Zeitläufe überhaupt zu begreifen, der sich für die Zeitläufe nicht interessiert und für den auch die Zeitläufe, wenn überhaupt, nur in extremen Umständen interessieren. Hier begegnen wir auch dem naiv-schuldvollen Träumer, der glaubt, die Zeitläufe zu begreifen, sie aber durchaus mißversteht, der sich im Tyrannen täuscht und von ihm getäuscht wird.

Nach 1945 wurde Winckler - aufgrund der Verfolgung seiner Frau und der eigenen Ausgrenzung(?) von den Militärbehörden als unbelastet eingestuft - im Literaturbetrieb wieder aktiv. Trotz seiner angepaßten Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus, galt er in den fünfziger Jahren als integer:

Für viele war Winckler so etwas wie ein - freilich gescheiterter - Vermittler zwischen zwei Dichtergenerationen: jener, die im Dritten Reich in der ersten Reihe Platz genommen [...], danach aber vergeblich neuen Anschluß gesucht hatte, und jener, die nach dem Krieg einen neuen Anfangspunkt machte.

In rascher Folge veröffentlichte er einige Bücher mit westfälischen Anekdoten und Erzählungen, zumeist Auskoppelungen aus früheren Büchern. Doch im Gegensatz zu den neuen, jungen Autoren, die Mitte der fünfziger bzw. Anfang der sechziger Jahre die 'Literaturarena' betraten, konnte Winckler, wie die Mehrheit der Schriftsteller seiner Generation, keine neuen Themen aufgreifen. Er tradierte die Vorstellungen und Werte des konservativen Deutschlands aus dem Kaiserreich und der Weimarer Republik. Zwischen 1945 und 1955/60 konnte er, der geschickte Propagandist seiner selbst und seines Werkes, mit seiner 'werte- und sinnstiftenden' Literatur zwar noch eine Leserschaft unterhalten, doch mit dem sich rasch vollziehenden Generationswechsel zu Autoren wie Böll, Köppen oder Grass, die mit ihrer engagierten Literatur die Schwachstellen der jungen bundesrepublikanischen Gesellschaft entlarvten, ging ihm der größte Teil dieser Leserschaft verloren. Winckler gelang es nicht, nach 1945 einen Neuanfang zu schaffen - vielleicht der wichtigste Grund, warum Winckler heute nur noch ein kleines Lesepublikum hat.

Alfred Joseph Werner Winckler starb am 29. Januar 1966 vierundachtzigjährig an den Folgen eines Hirnschlages im Vincenz-Krankenhaus, Bensberg (heute Bergisch Gladbach), wo er auf dem Laurentius-Friedhof neben seiner Frau Adele die letzte Ruhestätte gefunden hat. Wenn mittlerweile auch weite Teile seines dichterischen Werkes in Vergessenheit geraten, so bleibt doch seine literaturgeschichtliche Bedeutung - nicht zuletzt als Begründer der Industrielyrik - bestehen.

Als Autor im Spannungsfeld zwischen dem Rheinland und Westfalen

Das Rheinland und Westfalen spielen sowohl im Werk als auch im Leben Wincklers die zentralen Rollen. Seine ersten literarischen Erfolge hatte er im Rheinland und besonders im Ruhrgebiet zu verzeichnen. Auch wenn der Bomberg- Roman und die Pumpernickel-Geschichten seine westfälische Heimat verklären, sein literarisches Engagement vor 1945 blieb auf das Rheinland beschränkt. Erst nach 1945 setzte sich Winckler für seine westfälische Heimat ein, denn hier sah er seine literarische Zukunft: Hier konnte er an die Erfolge von 'Bomberg' und 'Pumpernickel' anknüpfen und hier genoß er den Ruf eines großen deutschen Dichters.

Zeit seines Lebens stand Winckler in einem Spannungsverhältnis zwischen seiner westfälischen Heimat und seiner neuen, rheinischen Heimat. Dies Verhältnis spiegelt sich auch in der Rezeption seines Werkes wider. Wenn auf einen Autor das Attribut 'rheinisch-westfälisch' zutrifft, dann auf Josef Winckler. Man kann sagen, daß Josef Wincklers Ziel, eine kulturelle Synthese von Rheinland und Westfalen, durch die Länderneuordnung nach 1945 mit dem Bundesland Nordrhein- Westfalen verwirklicht wurde. Literarisch bearbeitete er das Verhältnis der Westfalen und der Rheinländer 1955 in seinem Buch So lacht Westfalen. Die Anerkennung seines Lebenswerkes allerdings fand er im Alter in Westfalen und als Heimatschriftsteller.

Rezeptionsgeschichtlich wurde Winckler seit 1923 sehr stark als westfälischer 'Heimatdichter' vereinnahmt. Daß fast 50 Prozent seines Werkes sich mit regional-rheinischen oder übergeordneten Themen beschäftigte, wurde in Westfalen und später Nordrhein-Westfalen kaum zur Kenntnis genommen. Wincklers Be kenntnis zum Westfalentum beinhaltete für ihn nicht, daß er sich ausschließlich mit dieser Region beschäftigen wollte. Geprägt durch den langen Aufenthalt im Rheinland, immerhin lebte er dort von 1898 an ununterbrochen, schätzte er 'Geselligkeit' und 'Offenheit' des Rheinländers. Diese 'positiven rheinischen Elemente' wollte er den Westfalen, deren Sturheit und Streitbarkeit (Charakteristika, die ihn ebenfalls kennzeichneten) er schätzte, nahebringen. Er wünschte sich für 'seine' Westfalen mehr Offenheit und Spontaneität und für 'seine' Rheinländer weniger unverbind liche Freundlichkeit. Und: Erst dadurch, daß er im Rheinland lebte, erschien es ihm möglich,

in der freieren Urbanität einer Stromlandschaft, in [...] größerer Weltauf geschlossenheit unter einem beweglichen Menschenschlag, [...] die Konturen der nieder deutschen Tiefebene und ihrer rätselhaften Bewohner wahrzunehmen.

Obwohl Winckler seinen Altersruhesitz in der Kölner Umgebung fand, so verlor er doch zeitlebens nicht den Bezug zu Westfalen und den Westfalen. Seine größten Ehrungen erfuhr er durch diese Region, besonders das Münsterland lag ihm am Herzen. Nicht umsonst beschäftigen sich seine Spätwerke mit westfälischem 'Wesen' und westfälischer Landschaft. Nicht zuletzt schuf er mit dem 'Bom berg' so etwas wie einen westfälischen 'Nationalheiligen', der bis heute seine Hauptlesepublikum in Westfalen, besonders aber im Münsterland findet. Ein jeder, der sich ernsthaft mit dem historischen Vorbild dem Baron Gisbert von Romberg auseinandersetzen will, muß die verinnerlichten Legenden und Anekdotenbilder mitberücksichtigen, die aus Fiktion 'Wahrheit' machten, denn Winckler schuf einen Mythos!

Es war aber auch der 'Bomberg', der eine, heute häufig unter schlagene Kontroverse zwischen der Leserschaft - womit auch Literaturkritiker gemeint sind - und Winckler bedingte: Die Anarchie, die Zerstörungskraft und die Ironie der Bomberg-Figur verstörte die Leser und manche, besonders die Münsteraner fühlten sich durch seine Anekdoten mehr als nur brüskiert.

Dennoch blieb die Verwurzelung Wincklers im Westfalentum bestehen. Wenn auch seine literaturgeschichtliche Bedeutung in den literarischen Anfängen zu suchen ist, so hat er doch seine größten Erfolge mit den Westfalica gehabt: Zahlreiche Ehrungen wie der Westfälische Literaturpreis bezogen sich auf sein Er zählwerk, welches sich zur Hauptsache mit seiner Heimat beschäftigte. Nach Auffassung Wincklers war der westfälische Literaturraum gegenüber anderen Regionen Deutschlands, besonders aber gegenüber dem Kulturzentrum Berlin nicht im gebotenen Maße repräsentiert. Für ihn war Westfalen weder ein amusisches noch ein illiterarisches Land; die schöpferische Kraft dieser Region habe einfach nicht genügend Fürsprecher. Als ein solcher verstand sich Winckler: Immer wieder betonte er in Gesprächen - und die zeitgenössische Presse gab ihm da durchaus recht -, daß er der bedeutendste westfälische Dichter seit Annette von Droste- Hülshoff sei - eine Bewertung, die sich heute sicherlich nur hinsichtlich der Bekanntheit noch bestätigen lassen kann. So müssen auch sein Engagement für die Literatur in Westfalen auf den Schriftstellertreffen, die Beteiligung an der Wiederbegründung der damals niederdeutschen und niederländischen, heute Europäischen Schriftstellervereinigung Die Kogge und sein Erscheinen bei den zahlreichen Westfalentagen als Ausdruck für sein Westfalentum - was auch immer das sein mag - gesehen wer den. Nirgendwo ist deshalb sein Werk auch lebendiger als in Westfa len, wo sich für den Leser auch heute noch - und das ist für einen jeden Leser wichtig - Identifikationsmomente ergeben.

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Josef Winckler, zu dessen Bibliographie bis heute über 1000 Veröffentlichungen in Büchern, Zeitschriften, Zeitungen und sonstigen Publikationen nachgewiesen werden konnten, dessen Gesamtwerk 42 Bücher mit unterschiedlichen Ausgaben in Millionenhöhe umfaßt und der zu den populären Autoren der zwanziger und fünfziger Jahre zählt, droht heute in Vergessenheit zu geraten. Das frühere Lesepublikum lebt größtenteils nicht mehr, und dem nachwachsenden fällt es schwer, sich mit der zeitverhafteten, antiquiert wirkenden Sprache und den überkommenen Themen Wincklers anzufreunden. Die literarische Qualität seiner Werke ist sicher nicht mit der der Literatur-Elefanten (Hans Sahl) zu vergleichen. Wincklers Bücher kommen meist über ein literarisches Mittelmaß nicht hinaus und er teilt eben deshalb das Schicksal eines Otto Brües', Jakob Kneips, von Niebelschütz' oder Otto Wohlgemuths - Autoren - innerhalb der Literaturpyramide noch unterhalb Wincklers anzusiedeln -, die in ihrer Zeit Erfolge hatten, heute aber nur noch Eingeweihten etwas sagen. Die literarische Qualität seiner Werke ist ebenso vielgesichtig wie es seine Persönlichkeit war: Literarische Fingerübungen (Die goldene Kiepe) wechseln sich mit herausragenden Werken (Im Teufelssessel, Die Operation) ab.

Als Autor des literarischen Mittelbaus ist Winckler aber nicht uninteressant: An seinem Werk lassen sich Strukturen bürgerlicher Rezeptionsweisen von Regionalliteratur analysieren, und es gibt neben seinen Briefen Einblick in das Selbstverständnis eines Schriftstellers seiner Generation und dessen Selbstinszenierung. Seine Person ist - im historischen Kontext gesehen - ein Musterbeispiel für den Menschen im 20. Jahrhundert, der den Denkstrukturen des 19. Jahrhunderts verhaftet ist und diese konservierte. Er ist ebenfalls ein Beispiel für die Erklärung dessen, was Zeitgenossenschaft genannt wird. Wenn Winckler - mit Ausnahme des 'Bombergs' - im Ausland wenig rezipiert wurde, so war er im Deutschland der zwanziger und fünfziger/sechziger Jahre ein vielgelesener Autor belletristischer Literatur, dem Spitzenhonorare für Bücher und Lesungen bezahlt wurden. Er war auch ein Exponent - wenn nicht gar der Exponent - für die regionale Literaturpolitik des Rheinlandes und Westfalens.
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Wolfgang Delseit: Der Nachlaß Josef Wincklers im Nyland-Archiv Köln. Ein Beitrag zur Forschung. In: Literatur in Westfalen. Beiträge zur Forschung 2/1994, S. 135-153


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