"Jetzt kann ich in der Literatur Westfalens nicht mehr untergehen." Heimat als literarisches Konzept Josef Wincklers


Teil 2


Konsequent wählte er daher auch den Weg, sich seiner alten Heimat thematisch zu nähern - auch wenn diese Annäherung immer wieder von der Beschäftigung mit dem Rheinland durchbrochen wurde. Der Bomberg machte ihn fast über Nacht in Westfalen bekannt, verursachte eine Image-Verschiebung und begründete seinen Ruf/Ruhm als westfälischer 'Heimatdichter'. Mit dem Bomberg setzte er nicht nur sein "literarisches Denkmal", sondern entdeckte zudem seine literarische Gattung: die Anekdote. Anekdotenhaft und in zum Teil wenig artifizieller Schreibweise erzählte er "Döhnkes" und "Vertellkes", die Heimat und Region populär thematisierten. Er konnte hierbei auf einen großen Fundus mündlich tradierter Geschichten zurückgreifen, die ihn seit seinen Kindertagen begleiteten und in seiner Erinnerung hafteten. (Erinnerung ist bekanntlich ein rein selektiver Vorgang, da das Subjekt aus den besonderen Situationen der Gegenwart seine Erinnerungen bezieht; und "Heimat ist erlebte, gelebte Zeit in den Modi der Erinnerung, gegenwärtigen Erlebens und der Erwartung der Zukunft. Heimat ist Erinnerung, Erinnerung kann Heimat werden", ist somit auch schon Bestandteil eines dichterischen Prozesses, in der Heimat "kein objektiver Tatbestand" - A. Mitscherlich - ist.) Wincklers erfolgreichste Bücher waren Auswertungen solch erinnerter Geschichten, die er weiterentwickelte, nachdem er "seine originäre humoristische Ader selbst erst entdeckt" hatte. Viele seiner Geschichten sind allerdings erfunden und schufen Mythen (so wie der Bomberg), von denen Winckler zu Recht sagen konnte, daß sie sich verselbständigt hatten. Als er Westfalen als literarisches Sujet entdeckte, darauf festgelegt wurde und sich selbst darauf festlegte, begann seine zweite literarische Karriere, eine Karriere, die ihn zum anerkannten "Nestor der westfälischen Dichter", zum "gute[n], getreue[n] Westfälische[n] Eckard", und zum "Senior und Führer des Schrifttums" Westfalens machte. Er war allerdings kein Ideologe oder schuf gar ein neues Westfalenbewußtsein. Es darf nicht außer Acht gelassen werden, daß bei Winckler ein - wie immer auch gearteter - theoretischer Unterbau fehlte. Vielmehr rezipierte und konservierte er in seinen Romanen und Erzählungen populäre Vorstellungen seiner Zeit - die ihrerseits die Aufwertungsbestrebungen des 18. und 19. Jahrhunderts aufgriffen -, überzeichnete derb einen imaginären westfälischen 'Volkscharakter' und vertrat eine volkstümlich sentimentalisierte, aus Versatzstücken der Wirklichkeit klischeehaft konstruierte Westfalenideologie. Wie Bertold Auerbach, der das ländliche Milieu in der deutschsprachigen Belletristik noch vor Ludwig Ganghofer populär gemacht hat, schrieb Winckler allerdings nicht für ein dörfliches Publikum, sondern wie bereits zu Zeiten seiner Industriedichtungen in erster Linie für ein bürgerliches Rezeptionspublikum. Die Hinwendung zum 'volkhaften Erzählen' muß auch vor d e m Hintergrund gesehen werden, daß kaum ein Begriff im gesellschafts-politischen Sprachhaushalt der Jahre 1914 bis 1945 eine so zentrale Rolle gespielt hat wie 'Volk':

Der Begriff indizierte eine sittlich-religiöse, politisch-soziale und geschichtliche Letztinstanz, die scheinbar nicht überboten werden konnte. Damit war "Volk" ein zentraler Faktor reflexiver Bewußtseinsbildung und des Handlungsgefüges.

Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Regierungsverantwortung übertragen bekamen, war Wincklers Einstellung seinen westfälischen Dichtungen gegenüber noch unentschieden. Er arbeitete seit 1931 an der Niederschrift seines (rheinischen) Buches Die Stadt der halben Menschen ( i.e. Der Großschieber). Die neuen Machthaber erhoben ihre Doktrin von 'artfremder Literatur' und 'artgerechter Dichtung' rasch zum restriktiven Kulturproramm. Wincklers Werke - mit Ausnahme seiner expressionistischen Versuche, Irrgarten Gottes und Der chiliastische Pilgerzug - galten weder als 'kulturbolschewistisch' noch als 'artfremd', sondern deckten sich mit dem entstehenden Literaturkanon nationalsozialistischer 'Blut und Boden'-Mentalität. Er bemühte sich, die 'Bewegung' und ihren gesellschaftlichen 'Umbruch' zu bejahen und sich anzupassen. Im nationalsozialistischen Willi-Brunnen-Verlag, Berlin, ließ er im Mai 1933 seinen Roman Der Großschieber erscheinen, nachdem er ihn mit der Widmung "Nach vierzehn Jahren der Verwilderung in der Stunde des Aufbruchs" versehen hatte. Zudem fügte er dem ursprünglichen Manuskript ein geändertes Schlußkapitel bei, welches der neuen politischen Lage Rechnung trug:

Meine Freunde, wann endlich erwacht unser Volk? Wann kommt der, der da kommen muß und mit eisernem Besen unser Vaterland reinfegt, eh' es ausblutet, verrottet und zerfällt? Dies Glas weihe ich dem Retter Deutschlands!"
Und alle stimmten begeistert ein und stießen an auf den nahenden Retter Deutschlands...
(S. 436)

Auch in seinen Briefen begrüßte er das neue Regime - allerdings ohne sich hierfür öffentlich vereinnahmen zu lassen. In der als 'nationale Volksbewegung' apostrophierten Regierung sah er den "nahenden Retter Deutschlands", der eine 'volkhafte' Besinnung auf die 'inneren' und 'wahren deutschen Werte' postulierte. Dieser Forderung entnahm er eine kommende Anerkennung 'volkhafter' Literatur, auch seiner eigenen. Doch die erwartete Aufwertung seiner Literatur und Person blieb aus, Wincklers Erwartungen wurden enttäuscht. Die sich unter Hanns Johst u.a. neukonstituierende 'Deutsche Akademie der Dichtung', die im April/Mai 1933 den Mitgliederschwund der Exulanten auffüllen mußte, wählte Winckler nicht zum Mitglied, was ihn zu einem Schreiben an Johst veranlaßte. Enttäuscht stellte Winckler fest:

Nun berührt es mich doch schmerzlich, nachdem ich vierzehn Jahre gegen die internationale pazifistische Literaturclique ankämpfte und auf der ganzen Linie mit vom meinem Volk her gestalteten Büchern siegte, wie nur noch [Hans] Grimm eine Auflagenhöhe nachzuweisen hat, schliesslich von der nationalen Regierung nicht anerkannt zu sein! Ich weiss nicht, wie ein deutscher Dichter sich überzeugender hätte legitimieren können, der ich heut der Repräsentant des westfälischen Lebensraums bin? Oder soll nur diese große Provinz ausgeschlossen sein, nicht würdig den anderen Volksstämmen, wenn sie ihr geistiges Gesicht in die Gemeinschaft der Nation erhebt?

In diesen wenigen Zeilen zeigen sich deutlich drei Komponenten Wincklerschen Denkens: Zuerst einmal sah er sich zeitlebens als den bedeutendsten Repräsentanten Westfalens, dessen Streben seit Mitte der 20er Jahre auch darauf ausgerichtet war, Westfalen literarisch und gesellschaftlich anerkannt zu sehen. Zum zweiten wird deutlich, daß Wincklers Denken von national-konservativen Grundwerten bestimmt war; und zum dritten zeigt sich eine literarische Selbstüberschätzung, die aus Fehlinterpretationen bezüglich seines Werkes und dessen Wirkung sowie Fremdbewertungen von Kritikern resultierte.

Da Winckler mit Adele Gidion eine Jüdin geheiratet hatte, mußte er bald erkennen, daß er als 'Jüdisch-Versippter' in dem neuen Staat keine persönliche Anerkennung finden würde. Er versuchte noch ohne Erfolg, eine Änderung zu seinen Gunsten zu erzielen, indem er an weitere Personen des Kulturlebens schrieb (u.a. Will Vesper). Er fühlte sich übergangen, sah sich als Opfer einer Kampagne jener "Elemente", gegen die er schon während der 20er Jahre hatte ankämpfen müssen.

Nachdem ich 20 Jahre gegen Asphalt und Modeclique aus dem Volkhaften meines Ursprungs her ankämpfte und mich durchsetzte, sodaß ich heut der Repräsentant des westfälischen Lebensraums bin und jetzt, gerade jetzt, in der Stunde nationaler Selbstbesinnung übergangen werde, abgeschoben zu den Asphaltlingen, den Literaten, den Wurzellosen, das darf mit Recht mich empören!

Winckler bewertete sich als "nationaler Dichter" des "westfälischen Lebensraums", dessen Werke zeitgemäß und überzeitlich waren, obwohl er sich bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend für das Rheinland engagiert und über das Rheinland gearbeitet hatte. Selbst seine Versuche, mit nationalen Themen wie Ein König in Westfalen und Der alte Fritz den drohenden Prestigeverlust aufzufangen, wurden zwar von der Presse anerkannt, aber von seiten der Offiziellen ignoriert. Angesichts des anfänglichen Einverständnisses renommierter Schriftsteller wie Ernst Jünger, Gottfried Benn oder Gerhart Hauptmann, mit ihren Werken und ihrer Person den NS-Kulturbetrieb zu repräsentieren, bedurfte es eines Josef Winckler nicht. Sein Werk wurde geduldet, da es den Vorgaben entsprach und Winckler viele Leser in Deutschland erreichte - zudem schätzte man die kraftvolle Sprache, die "aus dem Volksgut schöpft" -, gefördert wurde es nicht. Die Versuche Wincklers, sich gemäß seiner in Anspruch genommenen Führungsposition und Vertretungsberechtigung in der westfälischen Literatur bewertet zu sehen, sind eng mit dem Thema Heimat, sprich: Westfalen, verbunden. Obwohl er sich seit dem Erfolg des Pumpernickel in den Romanen Doctor Eisenbart und Der Großschieber sowie der Neuausgabe der Eisernen Sonette, die 1930 unter dem Titel Eiserne Welt in Stuttgart erschien, und seinem Engagement im Rheinland thematisch von Westfalen wieder entfernt hatte, wandte er sich 1933 erneut westfälischen Themen zu. Mit Ein König in Westfalen. Roman einer Staatsgroteske (Stuttgart 1933) gelang ihm eine - wenn auch nicht vollständige - Satire gegen Despotismus und Großmannssucht am Beispiel von Napoleon Bonapartes Bruder Jérôme, der von 1807 bis 1813 über das aus Kurhessen, Hannover, Braunschweig, den preußischen Provinzen westlich der Elbe u.a. nur zum geringen Teil westfälischen Gebieten gebildete Königreich Westfalen herrschte. Die dominierenden vaterländischen und anti-französischen Züge des Romans sind sowohl ein später Reflex auf die französische Besetzung des Rheinlands in den 20er Jahren als auch eine Reaktion auf die politischen Ereignisse bis hin zum Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund. Die Wiederaufnahme seiner Beschäftigung mit dem Alten-Fritz-Thema hat ihre Begründung in den tagespolitischen Ereignissen seiner Zeit: Die NS-Regierung, die in Deutschland das "Dritte Reich" in Nachfolge des Preußenreiches (1871-1918) ausgerufen hatte, griff den von konservativen Kräften Weimars besetzten Preußenmythos auf, instrumentalisierte ihn und gab ihm in der Person des Preußenkönigs Friedrich II. einen greifbaren Vertreter. Offenkundig wurde der 'Schulterschluß' zwischen dem alten und neuen Deutschland, den Joseph Goebbels als "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" am 21. März 1933 als "Tag von Potsdam" inszenierte und währenddessen Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler das Grab des Preußenheros besuchten. Wincklers Der alte Fritz (Stuttgart 1934) ist eine Huldigung an die volkstümliche Gestalt des Königs, aber auch eine Darstellung der Eigenständigkeit und stammlichen Besonderheit der Westfalen. Dies ist auch darauf zurückzuführen, daß der Person des Königs seit den 20er Jahren zahlreiche Publikationen und Adaptionen zugeeignet wurden; die Verbindung mit Westfalen - wo sich Friedrich II. allerdings nie aufgehalten hat - dürfte mehr aus verkaufstechnischen Gründen erfolgt sein. Dennoch hielt sich Winckler eine Option auf das Rheinland offen: 1934 engagierte er sich für den neugegründeten rheinischen Staufen-Verlag in Köln, in dem er eine Reihe Bücher der ehemaligen "Werkleute"-Mitglieder etablieren wollte. Neben Wilhelm Vershofen gelang es ihm, auch Jakob Kneip an den Verlag zu binden. Er selbst ließ noch im selben Jahr seine Legenden Die Weinheiligen erscheinen, in denen er sich mit der Eigenständigkeit und stammlichen Besonderheit der Rheinländer beschäftigt.

Erst nach 1945, spätestens aber seit 1953 begann Winckler mit dem systematischen Aufbau seiner westfälischen Karriere. Die Vermarktung seiner Bücher läßt eine intuitive Verwendung des literatursoziologischen 'Mecklenburgischen Dreisatzes' erahnen: Winckler stellte in seinen Büchern die Region Westfalen dar, reiste weiterhin nach Hopsten und Rheine, um seine Bücher abzuschließen, und er schrieb die Bücher für die Westfalen. Josef Reding begründete diesen Entschluß seines Mentors als Notwendigkeit, da er nach den Erfolgen seiner Westfalenbücher

bereits so sehr als derbwitziger Volksschriftsteller eingestuft , daß das Publikum auch dann in Gelächter ausbricht, wenn er Ernstes zu lesen versucht. So läßt Winckler schließlich von den Versuchen ab, auch seine erste, zwei Jahrzehnte währende Schaffensperiode lebendig zu erhalten und wertet zunächst das Reservoir seiner westfälischen Heimat literarisch aus.

In kurzer Zeit veröffentlichte Winckler Bücher, die seine Heimat thematisierten, und versuchte, an die Erfolge des Bomberg anzuknüpfen. Wenn ihm auch kein neuer durchschlagender literarischer Erfolg mehr beschieden war, so erfuhr er doch binnen weniger Jahre große Anerkennung durch die westfälische Literaturrezeption. In den Folgejahren erschien kaum eine Anthologie 'westfälischer Dichter', in der Winckler nicht vertreten war. Führende Westfalenmythos-ideologen wie Josef Bergenthal suchten den Kontakt zu Winckler und stellten ihn als bedeutenden Vertreter der westfälischen Literatur heraus. Winckler wurde so etwas wie ein 'Vorzeige-Westfale', der zum "geistigen Repräsentanten des westfälischen Landes" aufgestiegen war. Sein Verhalten gegenüber dem nationalsozialistischen Regime wurde nur von wenigen durchschaut und Winckler begann eine regelrechte Selbstinszenierung. Auf den zahlreichen Westfalentagen, die er besuchte, gab er sich jovial-volkstümlich und stand als 'Senior' des westfälischen Schrifttums zumeist im Mittelpunkt. Zudem begann er sich nun - wie in den 20er Jahren bereits für das Rheinland - auch kulturpolitisch für Westfalen einzusetzen. Als Instrument zur Förderung der westfälischen Literatur und westfälischer Schriftsteller initiierte er 1952 die Neubegründung der "Vereinigung niederdeutscher und niederländischer Schriftsteller Die Kogge" und rief bis 1957 eine Stiftung ins Leben, die sowohl seinen Nachlaß und literarischen Nachruhm sichern, als auch die Förderung rheinischer und westfälischer Literatur übernehmen sollte. Mögen Wincklers Handeln und Einsatz jener Jahre zwischen 1953 und 1958 nicht frei gewesen sein von persönlichem Ehrgeiz und dem Wunsch, sich sein eigenes Denkmal zu bauen, so gab ihm der Erfolg dennoch recht. Motiviert durch den 1953 erhaltenen Annette von Droste-Hülshoff-Preis und zahlreiche weitere Ehrungen, wie eine Gedenkplatte an seinem Geburtshaus in Rheine und die Verleihung einer Josef-Winckler-Spende des Landes Nordrhein-Westfalen, begann Winckler 1958 mit der Verwirklichung einer Ausgabe gesammelter Werke, die seine Westfalenbücher umfassen sollte und bis 1963 in vier Bänden vorlag. Hiermit glaubte er nun endgültig in der westfälischen Literaturgeschichte den ihm gebührenden Platz zu besetzen:

Ich zog mich ganz aus dem Bewußtsein, daß es erste Notwendigkeit sei die vom Nazitum völlig verfälschte deutsche Volksseele gegenüber der Hypotrophie internationaler Literatur zur Geltung zu bringen! Und so sind 5 000 Seiten meiner westfälischen Dichtungen im Verlag Lechte in Emsdetten jetzt erschienen, eine großartige Ausgabe [...] die tiefe Inkarnation der westfälischen Seele und sie werden auch wahrscheinlich in aller Zukunft nicht mehr übertroffen werden! Ich glaube auch, daß diese gesammelten Dichtungen aus der Tiefe des so oft mißdeuteten Westfalentums geschöpft, nicht mehr untergehen werden!

Norbert Mecklenburg unterscheidet neun Typen literarischer Erzählstrategien, nach denen Provinz/Region/Heimat thematisiert werden:

Provinz ist entweder nur Material oder zusätzlich Thema eines Romans. Material kann sie als reales oder als bloßes iterarisches Muster sein: die zweite Möglichkeit realisieren genre- kritische und parodistische 'Anti-Heimatromane' (Typ 1). Als reale kann sie einen Reduktionsraum für erzählerische Experimente (Typ 2) oder zur Darstellung menschlicher Ausnahme- und 'Grenzsituationen' (Typ 3) abgeben. Ist sie nicht nur Material, sondern auch Thema, so kann sie wiederum als Weltausschnitt oder als komplementäre bzw. alternative Gegenwelt konzipiert sein. Ist sie dieses, so kann sie entweder eine illusionär irreale Ersatzwelt (Typ 4) wie im trivialen Pseudorealismus oder einen kritisch-utopistischen Gegenraum (Typ 5) darstellen wie in großer Idyllendichtung oder im 'primitivistischen' modernen Roman. Als Weltausschnitt steht sie für sich selbst: als subjektiver Herkunfts- und Erfahrungsroman (Typ 6) oder als objektiver Sozial- und Geschichtsraum (Typ 7) - oder steht für etwas anderes: als Mikrokosmos (Typ 8) für die Menschenwelt im ganzen oder als Modell (Typ 9) für größere gesellschaftliche Einheiten.

In Wincklers Westfalenbüchern dominieren die Typen 6 (etwa Pumpernickel), 7 (Ein König in Westfalen) und 8 (Der Westfalenspiegel). Es lassen sich dabei zwei Grundhaltungen feststellen: einerseits die systematische Verklärung der Heimat zur Idylle (und dies gilt besonders für seine Lyrik), andererseits die 'kritische' Darstellung der negativen Begleiterscheinungen dörflicher Strukturen.

Die zum Teil naive, mit Versatzstücken der Wirklichkeit arbeitende Heimatdarstellung seiner Dichtungen trägt überwiegend rührig-sentimentale Züge der bürgerlichen Idyllisierung, die Heimat sentimentalisierte und klischeehaft umdeutete. Die Verklärung kommt wohl am deutlichsten in seinen Gedichten zum Ausdruck:

Ach, nur ein Gärtchen
Unterm Nußbaum
Und eine Bank vor der Tür
Am Rasenzaun,
Wo man den Mond sieht
Und die Nachtigall
Im Busch hört,
Und aus dem Stall
Tritt der Nachbar
Mit dem Windlicht,
Man hört in der Stille,
Wie er spricht,
Und eine Ziehharmonika
Tönt weit... so weit...
Ja, war das schön
In der Kinderzeit!


Wincklers Verständnis von Heimat verdeutlicht sich auch in einem, 1966 im Westfalenspiegel abgedruckten Brief:

Heimat [...], nicht nur der äußere, oft zufällige Ort der Geburt, sondern wahre Heimat, wo die Seele heim ist, muß von Grund auf reifen, zumindest bis in die Jahre eigenständigen Denkens und Fühlens. Aber auch dies genügt noch nicht zum letzten, tiefsten Erlebnis der Heimat: diese unerschütterbare Zuflucht in einen Erdenwinkel, der wirklich Weltbesitz des ganzen Menschen ist, [...] dies mächtigste Lebensgefühl, kann sich nur erfüllen, wenn auch die Eltern, mindestens ein Elternteil, den gleichen Voraussetzungen entwachsen sind, also überpersönliche Stammeseigenschaften, überpersönliche Tradition, überpersönliche Daseinsfülle dem Kinde unbewußt mit überliefert werden!

Heimat also in den Kategorien der Sozialisation und des Stammesdenkens, wobei er für die Westfalen ein einheitliches Stammesbewußtsein unterstellte. Diese Definition war in den 20er Jahren maßgeblich für die Organisationen der Heimatkunstbewegung und hat nicht zuletzt ihren Ursprung in der Nadlerschen Stammesdefinitionstheorie, die eine Prägung der Menschen durch das geistig-physische Klima regionaler Gegebenheiten postulierte, die sich in einer identischen, für den 'Volksstamm' typischen Literatur niederschlage. Oder, wie Adolf von Hatzfeld in seinem Buch Positano meinte:

Das Land, dem wir entstammen, ist Teil unsres Schicksals, und entstammen wir dem nördlichen Flachland, den Heidestrichen Westfalens, einsam angegrenzt an die beseelte Landschaft des Rheins, so wissen wir, daß dieser Acker uns nicht wie ein Spiel des Zufalls aus dem Boden erweckte, daß er, wie Früchte und Bäume besonderer Art, besonders geartete Menschen hervorbringt, dies Land mit den kauernden Bäumen, Eiche, Wacholder und Kiefer, gedrungen wie die Menschen, die der Formtrieb der Natur in ähnlicher Gestalt sich bildete, das nämliche Gesetz des Wachstums ihnen auferlegend.

Winckler propagierte Stammesübereinstimmungen innerhalb der westfälischen Literatur, die er an Klischees festzumachen suchte. Gaben ihm zuerst die frühen westfälischen Autoren die Legitimation, konnte er 1934 auf ein Buch Otto Lauffers zurückgreifen, in dem die Äußerungen von Schriftstellern in Lyrik, Prosa und Lied pseudo-wissenschaftlich ausgewertet und als Legitimation regional-kultureller Eigenständigkeit Westfalens herangezogen wurden (eine Methode, der sich nach 1945 auch Josef Bergenthal in seinen Anthologien bediente). Diese Stammesdefinition erweiterte Winckler - wie Hatzfeld einige Jahre später - um die von Konservativen wie Max Boehm vertretene Auffassung:

Heimat ist in Gefühl und Geist verwandelte Bodenständigkeit. Durch den Heimatsinn ist der Einzelne, die Familie, die Gruppe einem Stück Erde schicksalhaft verfallen und seelisch unter ihrer Gewalt.

Wie sehr die Lauffer-Lektüre ihn beeinflußt hatte, zeigt ein Brief, den Winckler am 19.10.1935 an Karl Wagenfeld in Münster schrieb:

Historisch steht die Undankbarkeit Westfalens gegen die Dichter mit hunderten Beweisen fest, sogar die Gebrüder Hart klagten heftig über die Aussichtslosigkeit, hier beim Mangel aller Hilfsmittel geistig wirken zu können, genau so wie Justus Möser! Und geradezu erschütternd die Fülle von dokumentarischen Zeugnissen, die Professor Lauffer in Land und Leute in Niederdeutschland [...]. So ist ein tragischer Hintergrund, vertieft aus schwermütiger Blutsveranlagung, aus geistiger Klausur, aus Einöderbteil, Trotz und Hinterweltsinn, daß ich dies schwere Erbe bei Hatzfeld (der sich blind schoß) und bei mir, der ich durch den Irrgarten Gottes und den Chiliastischen Pilgerzug mußte, mit den Anführungszeichen 'begnadet' bedachte d.h. doch sonnenklar, daß ich gerade Hatzfeld und mich wahrhaftig nicht als beneidenswert hinstellte und hinzufügte: "Dies Erbe trägt sich schwerer als aus irgend einem anderen Himmelsstrich!" Ich schrieb den Aufsatz, als man gegen die Literaturcliquen damals das Stammeseigentümliche erst noch entdecken mußte und Wahrhaftigkeit des Bekenntnisse ist jedes Dichters oberstes Lebensgesetz! Sieh Dir nur den freien Kosmos rheinischer Dichter an, ein Dutzend Namen von Weltgeltung, wie viele harmonische Persönlichkeiten, die sich erfüllten konnten schon im Raum romanischen Formwillens, wie sie tausendfach leichter den Musen gezeugt wurden, ohne die Problematik des Niederdeutschen, heitere Geister der freien Kunst, wie klar und wirklich zum reinen Gestalten berufen [...] und bei uns -?? [...] Immer habe ich gekämpft um diese Erkenntnis des Westfalentums, die Dich sogar so tief verhaftete, daß Du sogar in der Muttersprache des Volkes gebannt bliebst - oder meinst Du, das wäre Zufall? [...] Es sei Zufall: Grabbes Scheitern an innern und äußern Widerständen? (Und wen interessierte heut noch so mächtig wie just Grabbe mit immer neuen Ausgaben und Darstellungen, während alle seine Zeitgenossen verschollen?!) Oder mußte etwa Peter Hille mit seinem Sack voller Gedichte auf dem Puckel in Welt und Überwelt sich verlaufen, wenn er nicht unter Unerlöstheit gelitten hätte? Lies den verbummelten Studenten Sack. Lies Levin Schücking, lies Hatzfelds Westfalenballade, überall dies nothafte Ringen um Vollendung, erschütternder als im ganzen rheinischen Schrifttum und Du selber, um diese tiefsten antipolaren Spannungen bewußt, läßt Deinen Antichrist, wenn ich mich recht erinnre, schließen mit den Worten: "Dank. Ehr und Luow die, Här! Haß di, Haß nao mähr" - und genau so schließt mein Chiliastischer Pilgerzug in der gleichen ewigen Antithese: "Wo durch Leid ganz zur Güte ausgereiftes Weltgefühl Zeugnis der Erde wird: Alles ist gut! Oder wo in gleich tiefer Offenbarung durch Leid gereiftes Weltgefühl Zeugnis der Erde wird: Alles ist nichts!" Diesen gleichen Schluß in zwei Büchern von uns hat eine Kritik mal zu meiner eigenen Überraschung herausgearbeitet als Symbol des gleichen Volkscharakters, das mehr sei, nämlich das Verhängnis, aus dem der wesentliche Dichter Westfalens nie herauskäme, darin die ganze Anette gekreist hätte, daraus es nur eine Erlösung gäbe, nämlich den Humor -! Aber was versteht außer den mit Schöpfertum Geschlagenen davon der gemeine Durchschnitt? [...]
So will ich gern hoffen, daß selbst der eigenbrötlerische Westfalenkreis jetzt sich näher erschließt und mehr findet, daß die Schriftsteller auch dort zu regerer Aussprache sich heute treffen, wo das Stammesgeschichtliche tiefer erforscht wird - vielleicht bricht endlich geistige Gemeinschaft auch dort an, wie sie hier im Rheinland längst und je bestand. Um mich braucht sich niemand Sorgen zu machen und wenn ich zehn Jahre auf dem höchsten Berg Deutschlands mich setzen sollte, wie Nietzsche in Einsamkeit seines Schaffens, ich vollende mein Werk, ob es anerkannt wird oder nicht! Dir aber wollte ich doch Aufklärung geben über Herkunft und Sinn meines alten Aufsatzes als Aufruf zur letzten Selbsterkenntnis des schöpferischen Westfalentums, ehrlich zu bekennen, was an Stammesdämonien und Stammesgöttlichkeiten in uns wohnt, denn allein hieraus vermögen wir für die Zukunft Entscheidendes zu leisten. Mag denn unsere Art schwerflüssig, derber und sprunghaft dunkler sein, dafür, so glaube ich zuversichtlich, wird auch immer wieder der westfälische Künstler desto eigenwilliger und gegen alle Widerstände sich ausprägen, daher ist es auch kein Zufall, daß just wir die größte Dichterin Deutschlands hervorbrachten, weil das Mütterliche dem Elementaren am nächsten steht, es leichter formt, über die wir freilich als Nachfahren einer gewandelten Welt, als Männer hinaus müssen zu neuen Erfüllungen!


Winckler übernahm die 'Erkenntnisse' Lauffers fast unreflektiert und baute sie in sein Westfalenverständnis ein. Hier ein literatur-theoretisches Konzept zu suchen, das seinen Texten zugrunde liegen könnte, ist eine müßige Arbeit. In seinen Prosatexten griff Winckler zumeist gängige Klischees des westfälischen Menschen aus der Heimatkunstbewegung auf, wie die nachfolgende Collage verdeutlicht:

Der Westfale wird selber nach seiner Art mit Gott und Teufel fertig. [...] Das bäuerliche Element Westfalens bedingt die unbekümmerte Derbheit und spiegelt somit [...] die niederdeutsche ländliche Herkunft und dessen bildhaftere Urtümlichkeit aus dem ganzen gebrochenen Volkscharakter [S. 47]. Obwohl der Westfale dullköppig, streitsüchtig, rechthaberisch ist aus unbeugsamem Rechtsgefühl, liebt er aber seine Freiheit und damit seine Eigenbrötelei viel zu sehr um wirklich für Zwang und Kommiß zu schwärmen [S. 45]. Der Kern des Westfalen ist also im Gegensatz zur üblichen Einschätzung nicht trocken, statisch, unbewegt. So ist nur die äußere Schale [S. 57]. Dies Volk hat in seinem skeptischen, deftigen Sinn wenig übrig für Stuß, Protzerei, Hochnäsigkeit, hohle Feierlichkeit. Es denkt zu realistisch in allen Alltagsdingen, mehr praktischer Vernünftigkeit zugewendet, mehr bildhafter Historie als abstrakter Theorie. Aus dieser 'niederdeutschen Sachnüchternheit' und diesem scharf beobachtenden Mißtrauen entspringt immer wieder als Ausgleich ein pfiffiger, wissender Humor [S. 95]. Und so erst gewinnt sein Humor weltweite Bedeutung, glättet Gegensätze, erspürt den hintergründigen Anruf des Ausgleichs und darum kann der Westfale auch sich selber heilloser verspotten wie jeder andere Volksstamm [S. 130].

Es sind in erster Linie Worthülsen, die inhaltlich zwar besetzt, von Winckler allerdings aus kompositorischen Gründen eingesetzt wurden: das Klischee des wortkargen, eigensinnigen, fast sturen, bäuerlichen Westfalen, der auf seiner Einsiedelei sitzt und durch die "uralte Sendung Westfalens", Zwischenglied zwischen dem fränkischen und niederdeutschen Stammesgebiet zu sein, geprägt ist. Winckler macht sich selbst zum Chronisten dieser Entwicklung, beschränkt sich dabei aber auf den Aspekt des Humors, um den "westfälischen Volkscharakter" vorzuführen.

Er erkannte seine prächtigen, treuen westfälischen Bauern wie im Gleichnis wieder, diesen kindlichsten, wurzelknorrigsten Schlag ganz Deutschlands. Und erkannte, daß alle Dinge nur eine singuläre Einfachheit haben, daran die Zeit zweifelt. Und wie unschuldig das Leben an sich ist, das die gespenstige Torheit des Menschen erst verwirrt. (Bomberg, S. 293)

Die 'vorhandenen' Zustände werden dabei allerdings von einem Fernstehenden beschrieben, der - um die Stimmung, die in seiner Erinnerung haften geblieben war, zu vertiefen - immer wieder zu längeren Aufenthalten in die Umgebung von Hopsten fuhr, in der Haus Nieland als Bezugspunkt seiner individuellen Heimatvorstellungen galt. So schrieb er 1924 während der Abfassung seines Pumpernickel an seinen Verleger:

aber ich mußte den ganzen Geruch der Heimat nochmals atmen und darüber strömen. Bei aller poetischen Stille, bei aller Traumversunkenheit - im Gegensatz zum Bomberg - erfüllt dies Buch doch ein gewaltiges hintergründiges Leben; jedenfalls besteht ein ähnliches Westfalenbuch überhaupt noch nicht. Es mündet gewitterhaft aus in Politik, Industrie, Weltumwälzung.

Die Vermengung von Selbsterlebtem, mündlich Tradiertem und Phantasiertem im Bomberg oder Pumpernickel sollte als literatisches Konzept beibehalten werden. Gerade die überschwengliche Phantasie, die Wincklers Texte auszeichnet, war Bestandteil seiner Lebens'philosophie'. Mag die Anekdote um das "Lügenjöbken" (vgl. etwa die Pumpernickel-Version, S. 28-30) auch frei erfunden sein, Winckler wurde bereits schon vor Erscheinen des Bomberg, ob seiner blühenden Phantasie in Hopsten so genannt. Mag sein, daß die Phantasiewelt, die Winckler neben seinem Realitätssinn für die Tücken und Schliche des Literaturbetriebes entwickelte, tiefenpsychologisch als Verdrängung traumatischer Kindheitserlebnisse gewertet werden kann und Winckler gerade in seiner literarischen Selbsteinschätzung einem Wunschdenken verhaftet blieb, das auch Eingang in seinen privaten Briefverkehr fand. Dennoch gelang es ihm, von den 20er Jahren an bis weit in die 60er Jahre hinein im Literaturbetrieb aktiv und - besonders regional - auch einflußreich zu bleiben.

Der Name Winckler steht im neuen deutschen Schrifttum groß und urwüchsig da. Urwüchsig wie seine westfälische Landschaft mit Eichenknurren, dunkelschattenden Buchenwäldern und verknauften Waldhecken, aber auch mit weitem Blick für das moorige Land.

Die Region schmunzelnd kritisch gesehen.

Die zweite Grundhaltung, die sich in den Büchern Wincklers offenbart, ist ein 'kritischer' Umgang mit seiner Herkunft. Hier faßt Winckler die Heimat nicht traditionalistisch auf, was sich zwangsläufig gegen Wandel und kulturelle Einflüsse der Großstädte richten müßte, sondern eher kritisch. Der im Pumpernickel thematisierte Strukturwandel des dörflichen Lebens - von der Auflösung der strengen hierarchischen Regeln (Als Kritiker, S. 143-146) und Ordnungen (Die Tödden, S. 254-302), emotionalen Bindungen und Identifikationen bis zur Entfremdung durch die einsetzende Bevölkerungswanderung in die Industriezentren (Neue Gründungsära, S. 360-372) - zeigt die Unfähigkeit des traditionalistisch orientierten Kaufmanns Werner Nieland, auf die realen gesellschaftlichen Gegebenheiten und Veränderungen zu reagieren. Er ist nicht flexibel genug und muß daher scheitern. Auch seine differenzierte Darstellung der dörflichen Vielfalt, die je nach Region, Konfession oder beruflicher Ausrichtung unterschiedlich sein kann, entspricht nicht den gängigen Klischees (Beschreibung der Dorfbewohner, S. 231-249). Winckler stereotypisiert nicht, sondern individualisiert seine Charaktere, karikiert sie; verfremdet sie so wenig, daß sie bei der Veröffentlichung des Romans für die Zeitgenossen im heimatlichen Dorf erkennbar waren. Die Heimat aber, die Winckler hier thematisiert, ist eine unwiederbringlich untergegangene, eine längst verlorene. Es sind in erster Linie Kindheits- und Jugenderlebnisse, die Winckler literarisch verarbeitete, zu Stoffen verdichtete.

In seiner Erzählung Das Ferienkind (aus Trilogie der Zeit, 1924) wird das Stadtkind - und als solches kam auch Winckler nach Hopsten - anfänglich mit einer vermeintlichen, bäuerlichen Idylle im Rheinland konfrontiert, die sich bei genauer Betrachtung als rissig erweist. Für den an ärmliche Zustände und menschliches Elend gewöhnten Jungen kommt die 'natürliche' (weil notwendige) Tötung eines kranken Tieres einem Mord gleich, den er auf seine Weise (Feuer legen) zu sühnen sucht. Hier offenbart sich keine regressiv-ideologische Heimatauffassung, sondern ein sentimentalisiertes Bekenntnis zur Heimat mit all ihren positiven wie negativen Begleiterscheinungen. Hier bleibt Wincklers Verständnis nicht am Grenzrain der heimatlichen Scholle stecken, sondern legt übergreifend Zusammenhänge von Ursache und Wirkung dar (vgl. das Kapitel Die Industrie wächst heran aus dem Bomberg).

Noch kritischer ist Wincklers Umgang im Bomberg: Auch hier wird westfälische Heimat thematisiert, doch zeichnet sich dieser Schelmenroman durch konsequente Heimatkritik aus. Der Protagonist ist ein Choleriker, der als Adels-Agrarier über genügend finanzielle Mittel verfügt, um derbe Späße mit seinen Standesgenossen und Untergebenen zu treiben. Seine "infantilen Appelle an das Zwerchfell auf Kosten anderer tragen deutliche Merkmale einer geistlosen Kraftmeierei und eines abstrusen Hangs zur Schadenstiftung und Schadenfreude." Schon die zeitgenössische Kritik stellte fest:

Er packt seine Aufgabe nicht mit zagen Händen an, behutsam bemüht um die Gestalt des alten Westfalen wohlbekannten Barons, sondern er türmt die Blöcke der derb hingeworfenen Anekdoten, bis in lebendiger Plastik die Gestalt des selbst Witzkolosse brütenden, in eine kleine Zeit gigantisch und urwelthaft hineinragenden, im Humorigen genialen Renaissanceheros dasteht und nie mehr zu vergessen ist.

Wincklers gleich zum Eingang wiedergegebene Einstellung zur Provinz'hauptstadt' Münster und ihrer Bewohner (S. 21-25), die in den Aussagen

Ja, in Münster ist es finster! [...] Eine abgestandene Brühe! [...] Ich höre in Münster die Totenwürmer klopfen vor Stille. [...] Wenn Gott auf die Stadt herabschaut, kriegt er vor Gähnen den Mund nicht mehr zu!

kulminieren, deutet an, daß er sich noch keinesfalls an der Westfalen-Mystifikation beteiligt. Bomberg ist ein Spießerschreck, dessen "überschäumende Lebensfreude, sprudelnde Phantasie, aber auch schwankhaft verunglimpfender Witz" die "Überlegenheit des einmaligen Individuums demonstrieren und die graue Anonymität der neuen Gesellschaft entlarven" soll.

Erst nach 1945 begann die Verinnerlichung des Westfalenmythos: Der Westfalenspiegel und So lacht Westfalen markieren die Abwendung von einer 'kritischeren' Auseinandersetzung mit seiner Heimat. In altbekannter Weise setzte er sich in beiden Büchern anekdotisch mit 'westfälischen' Tugenden und Besonderheiten auseinander, greift wieder bekannte Klischees auf und arbeitet sie in seine Sichtweise ein. War Pumpernickel, "eine Art westfälische Heimatfibel von solch quellender Fülle und urwüchsiger Kraft", entstanden, weil "Hunderttausende zermarterte Seelen, verwüstete Seelen [...] nach Erheiterung gestimmt" (S. 11) waren, so bildete der Westfalenspiegel Wincklers "selbstloses Geschenk" an sein "geliebtes Westfalen", in dem er "das unsichtbare, hintersinnige, einmalige Westfalentum" (S. 137) mystifizierte. Obwohl Clemens Heselhaus 1956 auf seinem Vortrag anläßlich des "Zweiten westfälischen Dichtertreffens" in Schmallenberg feststellte, daß es eine einheitliche westfälische Sprache nicht gebe, sondern die verschiedenen Landschaften Westfalens in ihrem literarischen Geschmack divergierten, setzte Winckler seit 1956 all seine Energie auf die Drucklegung seiner westfälischen Dichtungen. Gedanken von Justus Möser aufgreifend, der in einem Brief an Mathias Claudius am 14.4.1784 klagte:

In der Pflege der Dichtung und Kunst stehen wir Westfälinger hinter den deutschen Volksstämmen weit zurück; die freundliche Gottheit des Liedes liebt leichtentzündliche und fröhliche Naturen, wir aber sind zu ernst, zu gründlich, zu schwerfällig,

betonte Winckler besonders nach 1945 in zahlreichen Interviews und Gesprächen eine Verbundenheit mit seiner Heimat Westfalen (vgl. etwa die Rede anläßlich der Verleihung des Annette von Droste-Hülshoff-Preises 1953).

Darum schuf der Dichter mit traumwandlerischer Sicherheit und durfte vollenden, was von Geburt an sein heimlicher Auftrag war, ureigenster Anruf der großen Mutterstimme seiner Herkunft!

Winckler schrieb keine Heimatromane im 'klassischen' Sinn. Seinen Werken fehlt besonders der Antagonismus zur Großstadt. Zwar thematisiert er den kleinen, überschaubaren, ländlichen Lebensbereich (aus dem er erwachsen ist), doch wird dieser nicht übermäßig idyllisiert und die Großstadt nicht zum Gegenbild aufgebaut. Sie ist eher Ziel geheimer Sehnsüchte und besonderen Erstaunens vor dem Neuen, Unbekannten. Auch ist sein Land kein Akardien der Natur, sondern weist - wenn auch natürliche - Grausamkeiten auf (vgl. Das Ferienkind ). Die Mystifikation Westfalens begann bei Winckler aber erst nach 1945, als er feststellen mußte, daß er nur noch in dieser Region literarische Anerkennung finden würde, nachdem seine Versuche, mit dem Athenäum. Jahrbuch rheinischer Dichter (1948) an die Erfolge in der rheinischen Literatur der 20er Jahre anzuknüpfen und die Aktivitäten des "Bundes rheinischer Dichter" (1927-1933) wieder zu beleben, gescheitert waren. Er begann nun sowohl in seinen Büchern und seinem Leben, als auch in seinen Briefen eine Selbstinszenierung, die sein Werk fest in der westfälischen Literaturgeschichte verankern sollte. Wenn er sich selbst auch als den bedeutendsten Vertreter der westfälischen Literatur seit Annette von Droste-Hülshoff bewertete, so war er objektiv doch der überregional bekannteste Schriftsteller Westfalens. Diese Stellung sollte in der frühen Bundesrepublik das Fundament seines Lebens/Werkes werden, auf das er seinen Nachruhm aufzubauen gedachte.


Wolfgang Delseit: "Jetzt kann ich in der Literatur Westfalens nicht mehr untergehen." Heimat als literarisches Konzept Josef Wincklers. In: Literatur in Westfalen. Beiträge zur Forschung 3/1995, S. 119-151

[zu Teil 1]

 


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