"Jetzt kann ich in der Literatur Westfalens nicht mehr untergehen." Heimat als literarisches Konzept Josef Wincklers


Teil 1

Endlos Gräser, Kornfeld, wiegend tiefe Bäume
Bis zum dunstigen Ried, darüber Wolken hoch,
Dies ist das weite Vorgesicht=Gespensterland der Träume
In Wind und Dämmerschein, das mich erzog.
Die Heide dürstet voll Wachholderbüsche -
Ins Strohdach sanken alle Kotten damals noch -
Und auf dem Küchentisch schwalgt die Petroleumlampe,
Die Trankrüsel flackerte am Herde hoch...


Der Begriff "Heimat" - auch in Westfalen fester Bestandteil der Volkstumsideologie - war vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit eine feststehende soziokulturelle Realität innerhalb verbindlicher Rechtsverhältnisse; eine Rechtstatsache, die Anspruch bzw. Bestätigung auf Grund und Boden, Hof und Scholle bedeutete, sowie soziale und wirtschaftliche Sicherheit vor allem im bäuerlich-ständischen Lebenskreis verbriefte. Erst die wachsende Ideologisierung des Begriffs und das Aufleben der Heimatbewegungen konstruierten eine emotionale Komponente. Die einsetzende industrielle Modernisierung wurde im 19. Jahrhundert von einer subjektiv-empfundenen, sentimental motivierten und ideologisch initiierten Heimatvorstellung begleitet, die bürgerlichen Ursprungs war. Die Heimatbegrifflichkeit wurde maßgeblich von Eichendorff und anderen Schriftstellern der deutschen Romantik geprägt, die mit der einsetzenden industriellen Revolution und der damit einhergehenden Verstädterung das Thema Heimat als Refugium einer aus den Fugen zu geraten drohenden Welt entdeckten und ausformten. Verbunden mit der Säkularisation des 19. Jahrhunderts, die die Kirche als bestimmende gesellschaftliche Macht in den Hintergrund drängte, wurde Heimat bürgerlich romantisiert - aber ohne religiösen Impetus - dargestellt und im wesentlichen mit dem ländlichen Lebensraum identifiziert. Der "Bedeutungswandel von Heimat als zunächst objektive, rechtliche Kategorie in Heimat als subjektive, sentimentalische und ideologische Größe" begann mit der 'Entrückung' von Heimat durch die negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung - verbunden mit einsetzender Landflucht -, d.h. der Entfremdung des Menschen von seinem angestammten Lebensbereich. Es entstanden Konnotationen, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bedeutsam blieben und immer wieder aufgegriffen wurden. Ausgehend von der ästhetischen Naturerfahrung des 18. Jahrhunderts, in der Heimat als Kompensationsraum gedeutet wurde, der der Modernisierung entgegengestellt werden mußte, über das mit der Herausbildung der Nationalstaatlichkeit entstehende Bewußtsein nationaler Eigenheit und Zusammengehörigkeit, in dem Heimat synonym für "Vaterland" und "Nation" stand, entwickelte sich im politischen Konservatismus, der sich als moderne Erscheinung "auf einen reflexiv gewordenen Traditionalismus" stützte und "auf den Wandel durch gesellschaftliche Modernisierung mit dem bewußten Rückgriff auf die in die Gegenwart hineinragende Vergangenheit" reagierte, ein Weltbild, in dem Religion, Familie und Heimat die zentralen Bezugspunkte bildeten. Dabei wurde der sog. Historismus - als Bezug auf die Geschichte des eigenen Volkes - zum bestimmenden gesellschaftspolitischen Instrument.

Das vorhandene Unbehagen in der Moderne [...], auf das der Traditionalismus reagierte - und das im Heimatbegriff tief eingelagert ist -, speist sich aus lebensweltlichen Beharrungstendenzen.

Diese wiederum fanden ihre konkrete und menschenverachtendste Ausdrucksform innerhalb des völkischen Denkens, das Natur, Volk und Rasse zu ewigen Wahrheiten postulierte und mit mystischer Naturbegrifflichkeit und kosmischer Weltschau vermengte. Wachsende Ideologisierung machte die Heimatbegrifflichkeit zur offensiven Waffe konservativ-völkischer Kräfte in Deutschland.

Heimat, gewiß, ist auch Ideologie; sie kann Ideologie werden, ist Ideologie indessen nicht mehr oder weniger als jeder andere menschliche Bewußtseinsakt, der zwischen alternativen sozialen Seinszuständen, Wirklichkeiten und Möglichkeiten vermittelt.

Xenophobe Ängste, die irrational motiviert auf pseudowissenschaftlich nachgewiesene Erkenntnisse rekurrierten, bedingten auch die elementare Abwehrhaltung traditionalistischer Schriftsteller wie Karl Wagenfeld, Friedrich Castelle, Theodor Reismann-Grone, Margarete Windthorst, Maria Kahle, Heinrich Luhmann oder Josefa Berens-Totenohl:

Sonntagsheimat war eine Erfindung von Bürgern, die sich inmitten einer von wenigen Kapitalisten und vielen Industriearbeitern bestimmten Welt ein Refugium zu sichern trachteten, mit dessen Hilfe sie die Bedrohung von oben und unten, durch die Konzerne hier und die Proleten dort, zu kompensieren versuchten: Heimat als verklärtes Gestern, heile Welt und Relikt ständestaatlicher Ordnung im Zeitalter der Verstädterung, Industriealisierung, Vermassung. Heimat: ein geschichtsloser Flecken, in dessen Bannkreis die gesunden und beharrenden Kräfte, Aristokratie und Bauerntum, den revolutionären Mächten des Proletariats und der neuen Bourgeoisie zum Nutzen des deutschen Volkes widerstünden: das Gesunde dem Kranken, das kul turell gewachsene dem Treibsand der Zivilisation, die familiäre Gemeinschaft jener Anonymität der großen Städte [...]
Heimat: die Garantie einer Ordnung, wo der Herr mehr als der Knecht und der Mann mehr als die Frau galt. Heimat: ein Reich, in dem, was geschichtlich und sozial bedingt war, sich als (vermeintliches) Naturgesetz auf den Begriff gebracht sah. [...]
Heimat - ein Kunstprodukt, für das keine Wirklichkeit stand.


Heimat wurde - zum nicht unerheblichen Teil wird sie es heute noch - an Stereotypen oder ländlichen Mustern festgemacht, in denen Versatzstücke der subjektiv empfundenen Realität zur schönen Kulisse aufpoliert werden. Ländliche Idylle der heilen Welt, Stereotype von 'Gut' und 'Böse' sowie eine Behaglichkeit verbreitende Grundstimmung gehören hier ebenso zum paradigmatischen Schema wie 'Heimatzeichen', die beim Rezipienten auf die die Phantasie besetzenden Bilder rekurrieren:

Erst die Anerkennung seiner Bildhaftigkeit macht den Heimatbegriff zu einem rationalen Begriff. Erst die Gebrochenheit dieses Begriffs gestattet es, ihn in sozialkulturellen Zusammenhängen zu verwenden, die mit irrationalen Heimatbedürfnissen nichts zu tun haben, sondern wesentliche Daseinsbestimmungen, Existenzmerkmale des modernen Menschen ausmachen [...].

Die für das frühe 20. Jahrundert relevante Heimatauffassung hat ihre Ursprünge in der sog. Heimat- oder Heimatkunstbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts. Das rückwärtsgewandte Geschichtsbewußtsein und ein ausgeprägtes Nationalgefühl führten nach 1871 zu einer Entwicklung, die heute mit dem Begriff "Heimatkunstbewegung" umschrieben wird. Die als kulturelle Verluste gewertete Ablösung tradierter Werte durch die wachsende materialistische Weltauffassung und die Veränderung der Landschaften durch die Ausbildung industrieller Zentren verursachten und begünstigten die Entwicklung zur Politisierung des Begriffsfeldes 'Heimat':

Vor allem die Bewußtwerdung der Verluste trug dazu bei, daß sich seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts bildungsbürgerliche Kreise in Vereinen zusammenschlossen, um die kulturelle Überlieferung in ihrer nächsten Umgebung zu erforschen, zu bewahren und zu pflegen.

Unmittelbar nach der Reichsgründung von 1871 schlossen sich auf lokaler Ebene Wissenschaftler und interessierte Bürger (zumeist aus dem Bildungsbürgertum) zu Heimat-, Trachten- oder Traditionsvereinen zusammen, um

das Interesse, die Vertrautheit mit der engeren räumlichen Umgebung der "Heimat" durch die Erfassung, Untersuchung und Bewahrung der Zeugnisse aus Kultur und Natur gleichsam wissenschaftlich zu fundieren.

Die Sammlung historischer Überreste und die Landschaftpflege gehörten zu den weiteren Arbeitsfeldern der Heimatvereine. Als ideologische Basis wurde die Herdersche Volksbegrifflichkeit annektiert und später auf die Provinzen reduziert. Denn wer "in derselben Sprache erzogen ward, wer sein Herz in sie schütten, seine Seele in ihr auszu drücken lernte, der gehört zum Volk dieser Sprache", zumal mittels Sprache "eine Nation er zogen und gebildet" würde. 1904 folgte der organisatorische Zusammenschluß der Vereine zum "Deutschen Bund Heimatschutz", der als logistisches Instrumentarium in der Folgezeit weiterentwickelt wurde. Die Gründung hatte entsprechende Signalwirkung auf die Herausbildung korrespondierender Verbände auf regionaler Ebene (so wurde 1915 der "Westfälische Heimatbund" (WHB) gegründet). Die Auffassung, einer 'Kulturkrise' entgegentreten zu müssen, die nach einer "Symphonie monumentaler Zeitalter ein Potpourri von Allerweltsformen" einleitete, war - neben dem Wunsch nach Informationsaustausch zwischen einzelnen Vereinen und gemeinsamer Arbeit - der Hauptgrund dieser Zentralisierungsbestrebungen "gegen den materiellen Egoismus und die Unbildung jener Vielzuvielen, die das Antlitz unserer Heimat seit Jahrhunderten entstellt und mißbraucht haben". Die programmatischen Erklärungen der Zeit blieben bis nach dem II. Weltkrieg für die Politik der Heimatvereine be stimmend, wenn sich auch einzelne Schwerpunkte verschoben. Die Heimatkunstbewegung trug im wesentlichen zur Retardierung des kulturellen und politischen Bewußtseins bei, da sie sich seit der Jahrhundertwende in eine neuentstehende kulturkonservative Ideologie ein ordnete, die nach dem verlorenen Krieg (1914-1918) eine Besinnung auf die 'inneren deutschen Werte' (worunter sie Wahrhaftigkeit, Innerlichkeit und Idealismus verstand) postulierte. Da sich in ihr bürgerliche Bildungseliten, sendungsbewußte Schriftsteller und Kommunalpolitiker zusammengeschlossen hatten, bildete sie einen nicht zu unterschätzenden gesellschafts- und kulturpolitischen Faktor. Ihr intoleranter Kunstbegriff und die Propagie rung eines unreflektierten Heimat- bzw. Volkstumsstolzes korrespondierten mit ihrer als 'volkserzieherisch' deklamierten Methode, Heimat "als Begriff der kulturellen, sozialen und politischen Integration und Erneuerung in die innenpolitische Diskussion zu bringen". Hier durch erwarteten die Verantwortlichen eine weitere Stärkung konservativ-traditionalistischer Kräfte innerhalb der Regionen und regionale Eigenständigkeit. Extremer Nationalismus, dessen Kennzeichen die Verabsolutierung der Nation, die Forderung nach nationaler Suprematie sowie die Ausgrenzung und Diffamierung politischer Gegner sind, ist ein - wenn nicht sogar das bestimmende - Merkmal der Heimatbewegung in den 20er Jahren.

Auf die Region Westfalen bezogen, bedeutete dies, daß das Westfalentum zu Anfang der 20er Jahre eine neue Auf- und Bewertung erfuhr. Mit dem WHB wurde ein Instrument der Ideologisierung geschaffen, das der 'Heimatlosigkeit der Moderne' durch die Vermittlung 'gültiger Werte' traditionellen Denkens entgegenwirken sollte: Dem permanenten Wechsel der sozialen Lebenswelten galt es, mit der Einheitlichkeit eines geschlossenen, heimatorientierten Weltbildes Einhalt zu gebieten. Der wachsenden Anonymisierung innerhalb der Großstädte sollte die Überschaubarkeit ländlich-bäuerlicher Welt entgegengestellt werden.

Nach dem Weltkrieg gehörten die Heimatschützer nicht zu denjenigen Gruppen, die sich für die Werte der "westlichen Zivilisation" öffneten; vielmehr überdauerte ihr Weltbild die deutsche Niederlage. Sie schien vielen kulturell als Folge der Zivilisierung des deutschen Volkes, militärisch-politisch als Folge eines "Dolchstoßes" aus der "Heimatfront". Als Voraussetzung für eine "Wiedergeburt" forderten die Heimatschützer deshalb mehr denn je, sich auf "deutsche Art", Geschichte und Kultur zurückzube sinnen sowie die räumlich biologischen Grundlagen des deutschen Volkes vor den Einflüssen der Zivilisation zu schützen und zu pflegen.

In der Weimarer Republik förderten die lokalen Vereinigungen ihre politische Arbeit durch Selbstdarstellungen in Zeitschriften, Kalendern etc., die die Ideologisierung vorantrieben. In Westfalen war es vor allem die von Karl Wagenfeld mitherausgegebene Zeitschrift Die Heimat, deren Artikel in vielen anderen Heimatblättern nachgedruckt wurden. Das Verdikt über die Provinz- und Heimatblätter der 20er Jahre fällte Kurt Tucholsky, der feststellte:

Man muß sich nur einmal die Arbeit machen, diese völkischen "Beobachter" aller Provinzen durchzublättern - ein hartes Unterfangen; man muß diese grenzenlos flache und platte Afterphilosophie der Gebildeten unter den Nationalisten ansehen, diesen Ab falleimer gebrauchter Ideen, und man wird verstehen, wie alle ihre Bemühungen, daraus eine Methode zu machen, fehlschlagen und fehlschlagen müssen.

Die Krisen der Republik brachten den Heimatorganisationen deutliche Mitgliederanstiege. Die Qualität der Auseinandersetzung zwischen lokalen Vereinen und den regionalen Führungen sowie der Zentrale gewann neue Dimensionen. Gängige konservative Ideologeme der Zeit aufgreifend, suchten die Heimatvereine ihre eigene Vorstellung von Heimat und Volkstum durchzusetzen. Ihre neoromantischen Vorstellungen, "es gäbe ein Wesen eines Volkes, das aus der Betrachtung seiner Geschichte, Kultur (Sprache, Literatur, Kunst, Sitten und so weiter), Religion und Abstammung erkannt werden könne", wurde nachhaltig vertreten:

Dieser in den zwanziger Jahren auflebende Glauben gab der Heimatbewegung mit der Suche nach der Eigenart des "Volkstums" nicht nur Thema, Fragestellung sowie ein Forschungs-, Sammlungs- und Schutzprogramm, sondern diente ihr auch dazu, von den Zeitgenossen "heimat- und volkstumsgerechte" Verhaltensweisen für kulturelles, sozia les und politisches Handeln zu fordern.

Die 'Stellvertretergefechte', die mit dem Gegensatzpaar Berlin - Provinz umschrieben werden können und den "Schlachtruf der Heimatkunst 'Los von Berlin'" (Heydebrand) dokumentieren, hatten einzig das Ziel, die regionale Ungebundenheit gegenüber dem wachsenden Einfluß der Zentralmacht (für die Berlin synonym stand) zu stärken. In der Re gionalliteratur wurde das Konzept Heimat als "normative Kraft der vertrauten Welt", umgeben vom Hauch des Bewährten und Entstandenen, bestimmend.

Das Land unserer Zeit aber gleicht einem Naturschutzpark oder einer Insel, die durch Deiche und Wellenbrecher mühsam befestigt wird, und die Vorstöße aus ihm gleichen den Ausfällen aus einem fast verlorenen Gebiet. Der Glaube an dieses Land ist eng verwandt mit dem romantischen Glauben an jene nordische Rasse, mit der man das Volk wieder "aufzuordnen" gedenkt. Der Glaube an das Land ist der Glaube eines untergehenden Bestandes, der, ohne es zu wissen, auf die Macht innerlich verzichtet hat, er ist ein Symbol der nationalen Krisis unserer Zeit.

Die Literatur spielte in dieser Auseinandersetzung der Zivilisationskritik die wichtigste Rolle. Ob Essay, Polemik, Roman oder Lyrik - der Streit wurde in erster Linie in Zeitungen, Zeitschriften und Buchpublikationen ausgetragen. Die Schriftsteller der Region waren wichtige Vermittlungsfaktoren der ideologisierten Heimatauffassung. In ihren Schriften ar beiteten sie zumeist den gängigen Klischees der Heimatvorstellungen zu, formten sie zum Teil erst aus (vgl. etwa Hermann Löns und seinen Heide-Mythos) oder vertieften die vertrauten Bilder im öffentlichen Bewußtsein.

Will man die regionalen Romane zwischen 1900 und 1945 nach historischen Gesichtspunkten zuordnen, so bietet eine Orientierung an immanent literarischen Epochenbegriffen, an 'Stilen', kaum zulängliche Gruppierungsmöglichkeiten. Seit dem Umbruch zur Moderne herrscht, als eines ihrer Hauptmerkmale, eine Stilpluralität, die bisher in keine schlüssige historische Abfolgelogik zu bringen ist. So wäre es unergiebig, einen Wandel des regionalen Romans etwa vom Naturalismus über die Neuromantik zum Expressionismus und weiter zu verfolgen. Hinzu kommen die vielen Widersprüche, Ambivalenzen, Übergänge in und zwischen den Richtungen, die eindeutige Zuordnungen verhindern. [...] Der Expressionismus hat ebenso wie die gegen ihn sich richtende 'neue Sachlichkeit' eine 'zivilistische', Motive aus Großstadt, Technik, Massengesellschaft, und eine primitivistische, Motive aus der Provinz, Natur, 'einfachem Leben' bevorzugende Seite.

Die deutsche Literatur der 20er Jahre ist ein Spiegelbild der inneren Zerrissenheit der Weimarer Gesellschaft. Der Verlust nationaler Identität nach dem verlorenen Weltkrieg, die Ablösung der alten politischen Ordnung und Auflösung des bis dahin gültigen Wertekanons sowie Wirtschaftskrise, Inflation und außenpolitische Bevormundung führten besonders unter den konservativen Intellektuellen zu konsequenten Abwehrhaltungen gegenüber der aus der Revolution entstandenen demokratischen Regierung. In ihrer Literatur versuchten sie, die Kriterien des 'objektiven Realismus' wiederzubeleben, wobei sie im Sinne der Heimatkunst bewegung unter 'objektivem Realismus' eine im deutschen 'Volkstum', vor allem aber in den 'deutschen Stämmen' verankerte 'gesunde Sittlichkeit' verstanden, die dem 'Berliner' Nihilismus ('Asphalt-, Schmutz- und Schundliteratur') positive Werte entgegensetzen sollte.

Während der regionale Roman in der wilhelminischen Zeit überwiegend aus dem Spannungsfeld von Moderne und Anti-Moderne, nach 1933 von 'Blut und Boden', 'innerer Emigration' und Exil stand, hat er das breiteste Spektrum von Richtungen und Formen in der Weimarer Republik entfaltet. Die für die literarische Moderne kenn zeichnende Koexistenz unterschiedlichster Schreibweisen kommt darin ebenso zum Ausdruck wie die politische Zerrissenheit und ideologische Pluralität in der ersten deut schen Republik. <...> Geistesgeschichtlich gesehen, bildet einen uneinheitlichen Grundzug der Epoche das in Weltkriegserlebnis und sozialer Konflikterfahrung ge schärfte Bewußtsein einer umfassenden Kulturkrise. Es förderte, besonders in den Mit telschichten, die Fortsetzung eines konservativen Denkens, das Kapitalismus und Sozialismus gleichermaßen negierte, eskapistische Haltungen wie in der erneut an schwellenden Heimatbewegung oder in vielfältigen Formen von Naturkult und Lobpreis des 'einfachen Lebens' - 'idealistische' Mentalitätstypen (Theodor Geiger) aller Art.

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten griffen diese auf die herrschenden Ideologeme von 'Volk', 'Heimat' und 'Deutschtum' zurück:

Heimat im Dritten Reich war wesentlich Brücke zur Einpassung der Bevölkerung in die Reihen der Arbeitsdienste, der Werkhallen der Betriebe, die Instanzenzüge eines Unrechtsstaates, und es darf nicht verwundern, daß die Durchsetzung gerade perfekter industriegesellschaftlicher Strukturen - die den engeren ideologischen Zielen des Nationalsozialismus am Ende im Rücken standen - mit allen Implikationen der Anonymisierung, Funktionalisierung, die hier gegeben waren, über eben diese Brücke - die Brücke des Heimatverlangens - erfolgt ist.

Der Wille der neuen Machthaber, die regionalen und lokalen Vereinigungen ihrerseits 'gleichzuschalten', dokumentiert sich bereits im ersten Jahr ihrer Herrschaft. Auch wenn die Besinnung auf 'Volkstum' und 'Heimat' von den Nationalsozialisten durch politische Parolen postuliert ('Heim ins Reich') wurde, blieb das Verhältnis zwischen den Heimatvereinen und den NS-Funktionären gespannt. Auf der einen Seite findet man eine starke Anpassungsbereitschaft (so die vorauseilende 'Gleichschaltung'). So deutet das Rundschreiben des WHB vom 1.5.1933 auf eine fast hybride Selbstüberschätzung und maßgebliche personelle Verflechtungen (so z.B. durch Friedrich Castelle, der sowohl in der westfälischen Heimatbewegung als auch als stellvertretender Intendant des "Reichssenders Köln" innerhalb der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie eine wichtige Rolle spielte):

Der Westfälische Heimatbund hat es nicht nötig "umzuschalten", weil seine Arbeit stets im Sinne des neuen Reiches gewesen ist. Wer daran zweifelt[,] hat sich um die deutscheste aller Angelegenheiten, die Heimatbewegung, nicht gekümmert.

Auf der anderen Seite sahen die Nationalsozialisten - trotz aller Homologien - in den regionalen Aufwertungsbestrebungen eine Gefährdung ihrer Gesamtvolkstumsideologie. Landschaft, ja, aber nur im Einklang mit dem gesamten 'Volkskörper'. Daher wurden auf regionaler Ebene kaum neue Stellen eingerichtet und einzelne Organisationszweige (etwa die 'Vorgeschichtsforschung') bewußt ausgegrenzt. Die Nationalsozialisten setzten den landschaftlich- bzw. ortsbezogenen Bewegungen eine zentralistische entgegen: 1933 wurde der 'Deutsche Bund Heimatschutz' als "Reichsfachamt Heimatschutz" in die NS-Organisation "Reichsbund Volkstum und Heimat" (RVH) eingegliedert. Gleichzeitig griffen sie den 1902 von Michael Georg Conrad in der Umgebung Ludwig Ganghofers geprägten Begriff von "Blut und Boden" auf und machten ihn zum postulierten Inhaltsstoff geförderter Heimatliteratur einer Maria Kahle, Josefa Berens-Totenohl oder eines Karl Wagenfeld.

Nach der Zerschlagung der NS-Herrschaft und der Unterteilung des ehemaligen Deutschen Reiches in Besatzungszonen wurde die Besinnung auf die kleinere, regionale Einheit forciert. Die Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten zelebrierten einen besonders militanten Heimatkult, der nun erstmals auch in einer politischen Partei (Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten, BHE) als Handlungseinheit seinen Niederschlag fand. Trotz Diskreditierung des Heimatbegriffs im 'Dritten Reich' waren die beginnenden 50er Jahre die hohe Zeit der Heimatbewegungen (Heimatliteratur, Heimatfilm, Heimatvereine etc.). Das restaurative Klima der Adenauer-Ära förderte traditionalistische und konservative Werteauffassungen als Mittel ihrer Herrschaftssicherung und Kollektivierung angesichts einer Fülle sozialer und wirtschaftlicher Probleme, die die Zerschlagung der NS-Herrschaft in der jungen Republik hervorrief.

Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beherrschten im nationalsozialistischen Deutschland die Bauern- und Heimatromane die literarische Produktion. Millionenauflagen wurden verlegt und verkauft. Mit dem Einmarsch der alliierten Truppen und der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten schwand zwar der Glaube an die Richtigkeit der nationalsozialistischen Ideologie, aber nicht das Interesse an Büchern, die literarisch verbrämt den Führungsanspruch der Deutschen betonten oder ihn schlicht in den Gefilden einer heilen Bergwelt, die sie priesen, aufgehoben sahen.

Erst Mitte der 50er Jahre begann - durch eine neue Schriftstellergeneration - der zaghafte Versuch, eine Wende herbeizuführen. Maßgebliches Ereignis war in Westfalen das zweite "Westfälische Dichtertreffen" 1956 im sauerländischen Schmallenberg, das die verkrusteten Strukturen vorerst zwar nicht aufzubrechen vermochte, aber zu einer Polarisation und Diskussion führte, deren Nachwirkungen noch heute spürbar sind. In Schmallenberg bildeten sich zwei Positionen heraus, die bis in die Gegenwart hinein noch ihre Verfechter finden. Einerseits die der 'Alten', d.h. von der traditionalistischen Auffassung her argumentierenden Autoren, die Heimat als 'Refugium' einer sich ungebärdig zeigenden Welt ausdeuten, und die der 'Jungen', die den Begriff "Heimat" und seine literaturhistorische Bedeutung kritisch hinterfragen, Sozialisationen bejahen, den Schreibprozeß aber überregional bis international, jenseits aller Verklärung betrachten.

Heimat als "Quell einer Dichtungsart"

Die Briefauswahl des rheinisch-westfälischen Schriftstellers Josef Winckler gibt nur einen kleinen, wenn auch markanten Einblick in dessen Verständnis von Westfalen. Winckler einen späten Apologeten des Westfalentums zu nennen, trifft zu, da er in der Nachfolge der sog. Heimat- oder Heimatkunstbewegung seit Mitte der 20er Jahre an einem retardierenden Westfalenbild arbeitete. Bis zum Erfolg seiner Bücher Der tolle Bomberg und Pumpernickel beschäftigte sich Winckler nicht mit Westfalen. Er war zwar 1881 in Bentlage bei Rheine geboren worden und hatte den Großteil seiner Jugend in Hopsten bei Rheine verbracht, lebte aber seit 1894 im Rheinland.

Von hier, der weltaufgetanen Landschaft am völkerverbindenden Strom, schickte er, der Westfalen unversehrt im Herzen trug, aber Abstand genug zu ihm hatte, um sich nicht von den Waldhecken den Blick in die Weite hinaus verriegeln zu lassen, in den Jahrzehnte ein Werk hinaus, das in seiner Bedeutung hier kaum anzudeuten, keineswegs aber voll zu erfassen ist.

Bis 1922 widmete er sich allein Themen der industriellen Arbeitswelt, die in seinem Engagement bei den "Werkleuten auf Haus Nyland" ihre Ausformung fanden. Warum nun Mitte der 20er Jahre Wincklers Beschäftigung mit dem Westfalentum begann, begründete er in seinen autofiktiven Kindheitserinnerungen so:

Inzwischen bin ich während zweier Jahre [gemeint sind die Jahre 1921 und 1922, in denen sich Winckler zumeist in Münster und Hopsten aufhielt] allem Literarischen fern zurückgesunken in den Schoß meiner Heimat, noch tiefer untertauchend, mich vollsaugend wie ein durstiger Vampir aus Scholle und Mark des Münsterlandes, überschauert all die ewigen Kräfte zu erforschen, alle diejenigen Instinkte zu belauschen, die mich selber einst in der Frühe gebildet, um endlich wiedergeboren zu werden aus klarem Born. Denn ich glaube, daß jeder zu sich selbst heimkehren muß aus Massenwahn und Völkerwirrsal, um von vorn wieder anzufangen; dann erst sieht er, wieviel falsch an ihm war, worin das Echte seiner Persönlichkeit beruht - niemand hat seine Weltanschauung, sofern er wirklich eine besessen, unversehrt durch die Weltkatastrophe [gemeint ist der I. Weltkrieg] retten können. Und die große, allgemeine "Heimkehr zu den Müttern", zu den Nährquellen unseres Volkes, hat begonnen!

Wincklers Regionalismus hatte demnach biographische Wurzeln - eine Einstellung, die er bis zu seinem Lebensende immer wieder vertrat:

Ich bin und blieb immer Westfale - eben aus jenen Instinkten meines so lebensträchtigen Volkstums, das zu den eindeutigsten, eigenwilligsten und rätselvollsten unseres Landes zählt, eines derartig männlichen Stammes, daß es kein Zufall ist, in einer weiblichen, ausgleichenden Seele dem Mütterlichen näher, also in der Droste die größte Dichterin Deutschlands begrüßen zu dürfen! Meine Heimat ist ein kleines Dorf im Emslande - aus diesem kleinen Heidedorf entsproß irgendwie alles, was ich schuf.

Für ihn war Westfalen die "Wiege" seines Lebens und Schaffens, das Haus Nieland in Hopsten die "Traumarche" seiner "Knabenjahre" - oder wie er schon 1925 schrieb: "Seit Apollo unter den Ziegenhütern hat niemand eine schönere Jugend gehabt als ich!" (Pumpernickel, S. 11). Die Feststellung Christian Graf von Krockows, daß "das, was wir Heimat nennen" und zum "Grundbestand des modernen Gefühlshaushalts" (Mecklenburg) gehört, in der Kindheit angelegt sei, trifft somit auch für Wincklers Heimatauffassung zu. Heimat als "gedankliche Leerform, die desto mehr Gefühle und auch ideologische Vorstellungen an sich zieht, je geringer ihr objektiver Sachverhalt ist", nostalgisch besetzt und auf die eigene Primärerfahrung der Kindheit rekurrierend:

Mein Heimathaus
Stets lenkt' ich die Schritte
Zurück zu Dir -
Die Heimat ist Mitte
Und Heimat ist hier!
Hier, auf der Saline, stand meine Wiege,
Durch die Gardine
Spielte die Feuerfliege -
Die uralte Linde
Im Sonneschein
Säuselt im Winde
Mich heimlich ein -
Hundert Nachtigallen
Schluchzten sich aus,
Mondnebel wallen
Um Busch, Wiese und Haus -
Das Gradierwerk tropfte,
Die Ems ging so sacht - -
Und mein Kinderherz klopfte,
Zum Weltglück erwacht!


Den Fragen, inwieweit diese Einstellung, die sich in seinem gesamten Westfalen-Werk widerspiegelt, auch für seine Persönlichkeit relevant war, ob es sich insgesamt um eine angenommene Haltung handelt, wobei Westfalen und Westfalentum als Verkaufsartikel innerhalb einer Marketingstrategie zur Image-Verschiebung und Bedürfnisbefriedigung benutzt wurden, und wie Winckler sein 'Westfalentum' inszenierte, gilt die weitere Beschäftigung dieses Beitrages.

Westfalen als "Verkaufsartikel"

So wie das Spätwerk Wincklers von Hymnen an seine westfälische Heimat geprägt ist, drängt sich der Verdacht auf, daß diese Bestandteil eines unausgesprochenen Vermarktungskonzepts waren, welches er offenkundig verfolgte. Nach dem Ende des I. Weltkriegs, der Auflösung des alten Wertesystems und dem Verlust des konservativen Bezugssystems, begann für Winckler eine literarische Selbstfindung, die an verschiedenen Punkten festzumachen ist. Schon während des letzten Kriegsjahres arbeitete er an der Realisierung der Zeitschrift der "Werkleute auf Haus Nyland", die ab Herbst 1918 unter dem Titel Nyland erschien. Doch Winckler, für den sich die Organisation als literarisches Sprungbrett erwiesen hatte, nahm nur halbherzig an der Gestaltung der neuen Zeitschrift teil. Er befand sich in einer Schaffenskrise, in der er zeitweise versuchte, sich stärker auf seinen Beruf als Zahnarzt zu konzentrieren. Dieser Rückzug in den bürgerlichen Beruf scheiterte rasch; und als sich 1921 erste neue literarische Erfolge abzuzeichnen begannen, trennte sich Winckler von seiner Praxis. Ein Entschluß, der sicherlich durch seine Heirat mit der Kölner Fabrikantentochter Adele Gidion (1895-1951) verstärkt wurde. Fast gleichzeitig experimentierte er mit verschiedenen Formen des Erzählens. Er bearbeitete seit 1921 parallel den Bomberg-Stoff, den er realistisch gestaltete, den Irrgarten-Stoff (Lyrik) und den Pilgerzug-Stoff (Prosa), beide noch im expressionistischen Pathos gehalten. Darüber hinaus vertiefte er den seit 1917 bearbeiteten Mutter-Mythos, den er erst 1939 und 1940 veröffentlichte, und sammelte plattdeutsche Anekdoten um den Preußenkönig Friedrich II. Sein schriftstellerisches Schaffen jener Jahre betrachtend, läßt sich bei Winckler Orientierungslosigkeit konstatieren, nach der er sein Schreiben ausrichtete; er befand sich auf einer Suche und experimentierte mit verschiedenen literarischen Stilen. Früh hatte Winckler erkannt, was "schöne Konjunktur" bedeutet; doch entschieden, wo er wie weiterschreiben wollte und konnte, war noch nichts. Erst als er 1923 seinen großen schriftstellerischen Erfolg mit dem Bomberg-Roman erzielte, wurde ihm bewußt, daß er durch eine realistische Erzählweise weitere Erfolge erreichen konnte. Wie viele Schriftsteller seiner Generation, die der sog. Moderne angehörten, wandte sich Winckler nun dem realistischen Schreiben zu. Und wie viele Schriftsteller seiner Generation und politischen Einstellung ging diese Hinwendung zur "Neuen Sachlichkeit" mit der Hinwendung zum bekannten, regionalen Bezugsfeld einher. Winckler hatte durch seine Verbindungen zu vielen rheinischen Schriftstellern gute Kenntnisse über die Schreibsituation im Rheinland. Ebenso gut war er über die Zustände in Westfalen unterrichtet. Er wußte, daß die Konkurrenz im Rheinland weitaus größer sein würde als im kulturellen 'Niemandsland' Westfalen. So schrieb er an Adolf von Hatzfeld:

Stehe ich nun mit Ihnen zusammen als Westfale - ich bin in Westfalen [gemeint ist das rheinisch-westfälische Industriegebiet] sehr bekannt und verfüge dort über die besten Beziehungen [gemeint sind u.a. Friedrich Castelle und Theodor Reismann-Grone] - so würden wir ein durchaus neues, wesensverwandtes Gesicht bilden und zum ersten Mal seit der Droste unsern niedersächsischen Landstrich repräsentieren! Diese Einstellung erscheint wichtiger als man zunächst wohl glauben mag. Abgesehen davon, daß eine starke, neue Literaturbetrachtung gerade das Landsmännige, Volksstämmige in der unübersehbaren Fülle der Schriftsteller mit Nachdruck hervorkehrt und so einen ungemein reizvollen, vom Zufälligen äußerer Gruppierungen gereinigten Maß-Stab zu gewinnen sucht [gemeint ist die Stammestheorie Nadlers], sind auch jene Imponderabilien bodenständigen Heimatstolzes und damit liebevolleren Eingehens auf ihre Dichter nicht zu unterschätzen! Treffen wir doch fast jungfräulichen Boden an, der noch nicht übervölkert ist von schöpferischen Geistern wie etwa Bayern, Rheinland, Brandenburg, Franken.

[Teil 2]

 


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