"Haus Nieland" in Hopsten - Töddenstube und Literatenwinkel

Wo liegt Haus Nyland? - In Hopsten. Wo liegt Hopsten? - Sicher in Westfalen. Auf einem Großatlas mußte aber erst gründlich gesucht werden, um die genaue Lage festzustellen. [...] Haus Nyland - Mit breiter Front steht es vor uns, wuchtig und schwer, einfach und doch komplizierten Seins, wie alles, was hier dem Boden entsteigt. Das Dach, das unter sich 18 Zimmer, drei Säle und eine Kapelle birgt [...] will nicht anderer Art sein als seine Genossen auf den benachbarten Häusern, nur größer, nur bedächtiger, nur tiefer.

Was Wilhelm Bachmann hier 1931 in seinem Beitrag Besuch auf Haus Nyland beschreibt, bezieht sich auf ein Bauwerk, das zum Namensgeber und seltenen Treffpunkt einer Vereinigung von Schriftstellern wurde, die sich 1912 unter dem Namen "Werkleute auf Haus Nyland" zusammenschlossen.
"Haus Nieland" (oder "Poggeburg", so der ältere Name) liegt in der Haus-Nieland-Str. 6 im westmünsterländischen Dorf Hopsten, 40 Kilometer vor der niederländischen Grenze. Die Grenzlage wird durch die Nähe zum Emsland (Schapen/Niedersachsen befindet sich unmittelbar hinter der Gemeindegrenze) und dem Osnabrücker Land verstärkt. Heute zählt das Dorf, das seit 1975 zur Gemeinde Hopsten gehört, rund 7.500 Einwohner. In Hopsten scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Man ist gut katholisch; kirchliche Prozessionen und Schützenfeste bilden die kulturellen Höhepunkte des Jahres. Das Dorf zeigt sich nett-adrett und wohlgeordnet. Neubau- und Ansiedlungsprojekte konnten den Charme der Ansiedlung, deren Zentrum nach wie vor die alte katholische Kirche am Marktplatz bildet, nicht zerstören. Alte Gehöfte und die sog. "Töddenhäuser" dominieren das Erscheinungsbild. "Haus Nieland" ist eines jener "Tödden"- oder Kaufmannshäuser; es liegt in einer Seitenstraße hinter dem Markplatz.

Die Grundsteinlegung ist nicht datiert. Die früheste Jahreszahl, die sich am rechten Seitengiebel des Hauses befindet, lautet 1734; diese bezieht sich jedoch lediglich auf das Baujahr des rechten Seitenflügels. Laut Wilhelm Vershofen, der als Chronist des Anwesens hervortrat, gehen die Anfänge des Hauses auf die Karolingerzeit zurück, in der es eine Wasserburg gewesen sein soll. Die weiteren historischen Stationen lauten Zehnthaus, Gutshof, eine Zeitlang Pfarrhaus, seit dem 19. Jahrhundert Handelshaus und schließlich Wohnhaus. Heute ist es eine touristische Attraktion des Dorfes.

Ob der ursprüngliche Name des Hauses von dem um 1680 geborenen Besitzer Hermann Pogge oder von den in der Umgebung lebenden Fröschen ("Poggen") abgeleitet wurde, gehört ebenso zu den Geheimnissen des Hauses wie sein Erbauungsdatum. Der Volksmund überliefert lediglich, daß sich der wohlhabende Kaufmann "ein Haus wie eine Burg" gebaut habe. Erst für die Zeit nach 1734 lassen sich die Besitzer und die Geschichte des Hauses anhand von Akten belegen. Den äußeren Reichtum dokumentierte Hermann Pogge durch die Auswahl der Baumaterialien. Statt den in Hopsten und Umgebung bevorzugten Sandstein mit schwarzge färbten Holzbalken für das Fachwerk zu verwenden, ließ er die Holzbalken weiß streichen und verklinkerte das Fachwerk mit roten Ziegelsteinen. Das im 20. Jahrhundert erstellte Eingangsgitter trägt den breiten Schriftzug "Poggeburg" und ist mit einem Frosch verziert.

1734 erweiterte Pogge den älteren, zentralen Teil des Hauses mit seiner breiten, turmähnlichen Konstruktion im Baustil der Renaissance durch einen Anbau um den rund 400 Jahre alten Wehrturm. Die Kuppelfenster im Erd- und Obergeschoß wurden dabei vermauert und durch größere Fenster an anderen Stellen ersetzt. Für seinen Bruder Lucas, einen Geistlichen, ließ Pogge das Erdgeschoß zu einer Kapelle umbauen, deren Charakter auch heute noch erkennbar ist. Nach dem Tode des Hausherrn erbte seine Tochter Maria Klara Theresia die "Poggeburg". Deren Ehemann Joseph Wilhelm Veerkamp erweiterte das Haus um 1808/09 erneut, indem er den sog. "Blauen Saal" als Festraum anbauen und ausgestalten ließ. Bis 1849 blieb das Haus im Besitz der Familie. Danach erwarb es der Kaufmann Theodor Werner Nieland 1849 für die Summe von 1.860 Talern. Einen letzten Umbau erfuhr das Haus schließlich 1930 anläßlich einer größeren Renovierung. Dabei blieben äußere Erscheinung und Aufbau erhalten. Lediglich im Inneren wurden geringfügige Veränderungen und Wiederherstellungen vorgenommen.

Theodor Werner Nieland, in Hopsten geboren, lebte zum Zeitpunkt des Hauskaufes in Oldesloe und leitete dort die Schöneberger Geschäftsstelle der Firma Gebr. Gerdemann. Nieland machte sich in Hopsten selbständig und gründete ein Kaufmannsgeschäft, das aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder geschlossen werden mußte. Noch zu Lebzeiten vermachte Nieland das Haus seinem Enkel Ewald Nieland, der es - da kinderlos - wiederum seinem Neffen Willi Walter vermachte. Dieser hatte im Kohlenrevier als Ausbildungssteiger gearbeitet und zog sich nach seiner Pensionierung auf "Haus Nieland" zurück. Noch heute ist das Haus Eigentum der Familie Nieland: Theo Gress ist der Schwiegersohn von Willy Walter.

Außer dem sehr guten Zustand, in dem sich das Haus befindet, ist besonders bemerkenswert, daß andere zweigeschossige Bauten aus dem 18. Jahrhundert in Hopsten und Umgebung nicht erhalten sind. Das Haus wird damit auch zu einem Baudenkmal besonderer Art, weil seine Erbauer und Erneuerer bewußt die übliche Struktur durchbrachen, um den vorhandenen Reichtum - ähnlich einem frühneuzeitlichen Kleinfürsten - nach außen hin weit sichtbar zu do kumentieren.

Nach dem Erwerb des Hauses und dem Einzug der Familie trat erstmals der Name "Haus Nieland" in Erscheinung. Werner Nieland wollte es zum Treffpunkt der örtlichen und der ausländischen Wanderkaufleute machen, obwohl das "Töddentum" bereits im Niedergang begriffen war. Die Dorfkundschaft brachte schon bald nicht mehr die Kaufkraft auf, um den Kaufmannsladen zu erhalten. Versuche, in neue Industrien zu investieren, wie ihm seine Söhne rieten, unternahm Nieland nicht. Einzig ein Verwandter von ihm baute dem Haus gegenüber eine Spirituosen-Fabrik, die ihren Betrieb aber nach wenigen Jahren einstellen mußte. Mit dem Niedergang des Geschäftes begann auch der soziale Abstieg der Familie. Er führte dazu, daß die männlichen Familienmitglieder das Dorf verließen und ihren Lebensunterhalt größtenteils im Ruhrgebiet bestritten. Wer auf "Haus Nieland" lebte, gehörte zur weitläufigen Verwandtschaft der Nielands. In erster Linie waren es ältere Familienmitglieder, die im Haus oder seinen Neben gebäuden ihren Lebensabend verbrachten.

Zwei Enkel Werner Nielands, die sich in besonderer Weise für das Haus einsetzten, beschäftigten sich literarisch mit der Geschichte und den Menschen: Josef Winckler und sein Schwager Wilhelm Vershofen.

Josef Winckler, 1881 in Bentlage bei Rheine geboren, kam Mitte der 80er Jahre nach Hopsten. Eine auswärtige Beschäftigung seines Vaters hatte eine Trennung der Familie notwendig gemacht. Winckler lebte bis 1894 mit seiner Mutter Maria, seinen Schwestern Gustava und Johanna sowie seinem Bruder Alfred unter den Dächern von "Haus Nieland": "Seit Apollo unter den Ziegenhütern hat niemand eine schönere Jugend gehabt als ich!" Doch so unbeschwert, wie Winckler seine Kindheitserlebnisse 1925 in seinem Buch Pumpernickel beschrieb, waren sie nicht. Nachdem der Vater seine Stelle als Salineninspektor in Bentlage bei Rheine verloren hatte, verarmte die Familie Winckler derart, daß Alfred Winckler eine unbezahlte, ehrenamtliche Stelle im Rheinland annehmen mußte und sich nur zwei jährliche Fahrten nach Hause leisten konnte. Schwerer wog jedoch die Tatsache, daß die Kinder aus einem durchaus als liberal zu bezeichnenden Haushalt in eine patriarchalische Familienstruktur hineingepreßt wurden, deren anerkanntes Oberhaupt der Großvater Werner Nieland war. Die Enge, mit der Winckler kon frontiert wurde, liest sich zwischen den Zeilen seiner Kindheitserinnerungen. Seine lebhafte Phantasie, die ihm bald den Spitznamen "Lügenjöbken" einbrachte (noch heute ist er unter diesem Namen in Hopsten bekannt), war im nüchternen Kaufmannshaushalt der Nielands nicht gern gesehen.

Aber gerade diese grenzenlose Phantasie ließ Winckler später zu einem Autor westfälischer Erfolgsromane wiePumpernickel, Die goldene Kiepe (1939), Der Westfalenspiegel (1952) und So lacht Westfalen (1955) werden. In Pumpernickel dessen Manuskript er 1924 auf "Haus Nieland" abschloß - schildert Winckler die Erlebnisse seiner Kindheitsjahre und zeichnet ein ironisierendes Bild der Hopstener Dorfbevölkerung. Winckler hatte sich inzwischen als Verfasser des westfälischen Schelmenromans Der tolle Bomberg (1923) einen Namen gemacht und hoffte, mit dem neuen Buch ähnlich erfolgreich zu sein. Dem stand jedoch das Mißfallen der Einheimischen entgegen, die sich zu eindeutig porträtiert und verunglimpft fühlten. Reaktionen wie die nachfolgende sind im Nyland-Archiv vielfach belegt. Aufgrund einer Zeitungsanzeige für die Erstauflage in der Ibbenbürener Volkszeitung reagierte der Heimatverein Hopsten mit einem Protestschreiben:

Der unterzeichnete [sic] Vorstand des Heimatvereins Hopsten erhebt hiermit schärfsten Protest gegen die Aufnahme von Annoncen für solche Schmutz- und Schundromane, in denen angesehene Hopstener Familien in tendenziöser Form angegriffen und in flätischer[sic] lügenhafter Weise besudelt werden. Von der Kanzel ist am letzten Sonntag nachdrücklich vor diesem Buche gewarnt worden, weil es wie kein anderes dazu beiträgt, Moral und gute Sitte in den Kot zu ziehen.

Winckler soll sich in der ersten Zeit nach der Veröffentlichung in Hopsten nicht habe sehen lassen dürfen, und die alten Hopstener hielten ihm seinen "Streich" noch lange vor, während das Buch heute wohl in keinem einheimischen Haushalt fehlt. "Haus Nieland" behielt bei Winckler noch bis zu seinem Lebensende einen wichtigen Stellenwert, doch ganz zu Hause fühlte er sich dort wohl nicht, was sicherlich mit seinem Schwager zusammenhing.

Noch während seines Studiums hatte der Rheinländer Wilhelm Vershofen die Schwester seines Kommilitonen Josef Winckler kennengelernt und geheiratet. Vershofen entwickelte schon bei seinem ersten Besuch auf "Haus Nieland" eine besondere Beziehung zum Haus und seinen Menschen. 1912 gründeten er und Winckler eine Schriftstellervereinigung, die unter dem Namen "Werkleute auf Haus Nyland" in die Literaturgeschichte einging, da sie erstmals den Gegenstand "Industrie" für das bürgerliche Publikum literarisch erfaßbar machte. Der Gruppe, die bis 1925 existierte und sich nach dem Hopstener Haus benannte (wobei der Name durch die Verwendung des Buchstaben "y" leicht verfremdet wurde), gehörten neben Winckler und Vershofen u. a. Heinrich Lersch, Jakob Kneip, Karl Bröger, Gerrit Engelke und Carl Maria Weber an. Ziel der Vereinigung war es, die Abwehrhaltung der Schriftsteller und Leser gegen über dem Thema Industrie zu vermindern und innerhalb der Literatur einen Paradigmenwechsel herbeizuführen:

Nichts romantisches, nichts geheimnisvolles verbirgt sich unter dieser Bezeichnung. Alle, die in diesen Blättern [gemeint ist die von den "Werkleuten" herausgegebene Zeitschrift Quadriga] das Wort ergreifen werden, haben längere oder kürzere Zeit unter den breiten Dächern des Hauses Nyland geweilt, das irgendwo im Reich seine überaus reale Existenz hat. Und wenn ihnen schon im Namen des gastlichen Hauses eine Symbolik zu liegen schien, so war dies doch nur ein nachgeordneter Grund, weshalb sie ihre Werktätigkeit an deutscher Kultur und Freiheit nach diesem Hause benannten.

Im "Blauen Saal" fanden sog. "Werktagungen" statt, bei denen sich die Mitglieder versammelten, um konkrete Projekte, etwa neue Buchveröffentlichungen, vorzubereiten. Hier trafen sich Winckler und Vershofen mit Jakob Kneip und dem Maler Franz M. Jansen; oftmals waren auch Severin Kirfel, seines Zeichens Syndikus des Bundes und Schwager Wincklers und Vershofens (er hatte Wincklers jüngere Schwester Johanna geheiratet), sowie Theo Rody, der "Werkleiter", anwesend.

Doch Winckler hatte weitergehende Pläne mit dem Haus. Diese offenbarte er 1913 in einem Schriftwechsel mit dem Lyriker und Winckler-Förderer Richard Dehmel:

In der Familie besitzen wir ein großes Landhaus mit Sälen, Gärten, Wiesen pp, das heißt, ein Junggesellenonkel ist der Inhaber, einer jener Stillen, Freien, Abgeklärten, denen Schicksal Stubensache, alles aber die Kunst bedeutet. Und dieses Haus soll das Stammhaus zu einer Kolonie von Geistesarbeitern werden! Dies ist das "Haus Nyland" bei Rheine in Westfalen, im liebsten Heidedörfchen der Welt. Wir rissen alle überflüssigen Ökonomiegelübde nieder und schmückten das Ganze zu einem stillen Idyll, darauf momentan eine Witwen-Tante Haushalt führt. [...]
Nun haben wir zunächst einen kühnen, aber vielleicht phantastischen Plan: im Sommer von Haus Nyland aus eine Einladung an bekannte Dichter ergehen zu lassen, dort auf einige Tage zusammen zu treffen. Wir dachten an eine Art von geistigem Bayreuth [...], dachten an ein Institut, wie es in Amerika bei Boston besteht: eine Pfingstwoche des Geistes, in der alle Be deutenden sich treffen zu gemeinsamer Aussprache, sich kennen zu lernen, nach Art und Sinn, einmal "unter sich" zu sein. Wir dachten, daß ein Zusammenschluß für unser Kulturleben von unendlicher Tragweite sein müsse und eine Art von Äropag [sic] würde, ein letztes Forum, eine Götterversammlung. Wie hätte das sein müssen, wenn zum Beispiel Vater Ra[a]be mit seinem humorigen Bart in der Ecke gesessen und ein neues Kapitel vorgelesen hätte - und die er lauchten und erleuchteten Köpfe im Kreise bei Wein und Pfeifenwölkchen? Und so jedes Jahr einmal. Reporter ante portas! [...]
Und wer später in der Stille schaffen will, aber keine Muße und Atzung finden kann - dort mag er in der Sonne liegen. Wer krank ist und wie Edgar Steiger öffentlich in den Zeitungen betteln muß - er wendet sich getrost an Haus Nyland und die Türe geht auf. Aber der Pöbel erfährt die Schande nicht.
Würden Sie nun wohl die Güte haben und mitteilen, was Sie überhaupt von dieser ersten Zusammenkunft denken? Ob sie a priori durch Eifersüchtelei (wir Werkleute schreiben ja anonym und sind deshalb keine Rivalen untereinander!) vereitelt würde? Oder gar lächerlich erscheine? Ob Bedürfnis dazu vorhanden ist? Wer käme in Betracht? Leute wie Presbers Rudolf und Karlchen Busse eo ipso ausgeschlossen. Einer dieser Herrn - Paul Grabein, "Schriftsteller zuchtloser Romane", wollte sogar durch mich - Zahnarzt werden! Derartiges Gevögel würde Haus Nyland bald zu einem Horst à la Kölner Blumenspielen machen!
Wir werden uns an alle betreffenden Organisationen wenden, bis ans Rockefeller Institut, Aufruf erlassen, Preisausschreiben pp. Die Jahresbeiträge ersetzen zunächst die Zinsen des Vermögens. So hätten wir Schöpferische und Unschöpferische zu gemeinsamer Arbeit vereint. Die Überschüsse der Quadriga fließen in den Bundesfonds. Konfessionelle oder politische Ge sichtspunkte ausgeschlossen.


Zudem wollte Winckler sich einige Jahre später "als junger Rentier" dort niederlassen und "der erste sein, der seine Geistestätigkeit an diese Stätte knüpft".

Doch von diesen Plänen wollte Vershofen nichts wissen. Empört antwortete er Winckler, der ihm die Durchschrift des Dehmelbriefes gegeben hatte, nur wenige Tage später:

Jetzt rät mir der energetische Imperativ meines Ichs nur, möglichst rasch zu einer Rente von einigen 1000,- Mark pro Jahr zu kommen und mich damit in einen stillen Winkel zurück zu ziehen und dort meinen Lebensaufgaben rein und ganz tätig zu sein, die allerdings noch ein wesentliches über das hinausgehen, was sich mit dem Schlagwort "Literatur" umschreiben läßt. Ohne die Station verraten zu wollen, an der ich mich jetzt befinde, denke ich doch auf diesem Weg schon den schwersten Anfang überwunden zu haben. Und ich muß allerdings bekennen, daß das Hopster Haus auch eine wesentliche Station darin ist, was Du übrigens sehr gut weißt. Daß Du aber trotzdem Deine Pläne noch immer darauf baust, und sie sogar Dehmel mitteilst ist zum mindesten taktisch sehr unklug; denn Du kannst früher oder später in die Verlegenheit kommen, daß ich Dich ganz energisch dementieren und desavouieren muß. Ich glaube ich muß es so rund sagen, wie es sich nur sagen läßt: "Solange ich noch einen Pfennig im Hopster Haus stecken habe, werde ich nicht gestatten, daß irgend einer Deiner damit zusammenhängenden Pläne (bis zur Geniezusammenkunft hinab) sich verwirklicht. Ich will meine Ruhe in Hopsten haben." Und ich denke, daß Du mir die Energie zutraust, sie mir zu verschaffen. Ich bekenne, ich habe lange gezögert, bis ich wieder einmal so deutlich wurde, glaube aber daß es jetzt Zeit ist, wenn nicht Quadriga und alles in die Binsen gehen soll. Mein Angebot, das ich Dir derzeit machte, mir meinen Anteil abzukaufen und dann zu tun, was Dir gefällt und Onkel Ewald genehmigt, hast Du abgeschlagen. Das Angebot zu erneuern, habe ich keine Veranlassung mehr, gehst Du in Deinen Plänen dennoch weiter und bringst mir Vereinigungsoberlehrer und mehr oder minder ausgefranste Genies dorthin, oder kannst das Haus von der Quadriga (Haus Nieland - nicht Nyland) nicht trennen, dann willst Du den Streit und, bei Gott, den sollst Du haben, aber nicht zu knapp.
Du siehst, wo ich Grund habe unter den Füßen, geh ich so weit ich eben kann. Deine anderen Pläne mögen nicht schlecht sein, aber sie liegen m i r nicht und meine Weigerung mit Hopsten braucht Dir ja kein Grund zur Nichtausführung zu sein. Denn soviel Anrecht wie an Hopsten hast Du ja schon ungefähr an jedes Haus im Deutschen Reich und darüber hinaus. Also nichts für ungut! Quadriga Heil, da gehe ich mit und meine übrige Widerhaarigkeit wirst Du mir, dem kleineren Geiste, gern verzeihen.


Die von Winckler beabsichtigten Pläne wurden nicht verwirklicht, da Vershofen ihnen entschiedenen Widerstand entgegensetzte. Obwohl Vershofen nur ein angeheirateter Verwandter Wincklers (und damit der Nielands) war, glaubte er, das Verfügungsrecht für seine Frau Gustava über das Haus zu besitzen. Das Miteigentumsrecht leitete Vershofen auch daher ab, daß er - wie Winckler - Kosten für die Unterhaltung des Hauses trug (2.000 Reichsmark jährlich).

Wincklers Besuche auf "Haus Nieland" sind noch mehrfach belegt. Doch es war Wilhelm Vershofen, der das Haus zu seinem zweiten Wohnsitz, zu seiner "Sommerresidenz" machte. Vershofen, der sich während seiner literarischen Karriere der Universitätslaufbahn widmete, wurde 1925 an die Nürnberger Handels-Hochschulen berufen. Er gilt weithin als Erfinder der Marktforschung, und die bekannte Nürnberger "Gesellschaft für Konsumforschung" (GfK) wurde 1934 von ihm begründet. Einer seiner Nürnberger Schüler und sein Assistent bei dem privaten "Institut für Wirtschaftsbeobachtung der Deutschen Fertigware" war der spätere Bundesfinanzminister ("Vater des Wirtschaftswunders") und Bundeskanzler Ludwig Erhard, der Vershofen auf "Haus Nieland" mehrfach besucht hat.

Vershofen siedelte sich in Tiefenbach bei Oberstdorf an, verbrachte aber spätestens seit 1930 die Sommermonate in Hopsten. Die Renovierung und der innere Umbau des Hauses stehen mit seiner Entscheidung, die milderen Sommermonate in Westfalen zu verbringen, in ursächlichem Zusammenhang. Ewald Nieland richtete Vershofen ein Arbeitszimmer in den oberen Räumen des Hauses ein, wo dieser Teile seiner Bibliothek und Arbeitsmaterialien unterbrachte. Zudem setzte Vershofen in seinem Testament ein Legat für die Erhaltung des Hauses in Höhe von 50.000 DM aus.

Auch Vershofen widmete "Haus Nieland" und der Gemeinde Hopsten zwei literarische Werke. In Poggeburg. Geschichte eines Hauses bearbeitete er 1934 die Geschichte des Hauses seit seiner Entstehung, wobei er sich ebenso anekdotischer Erzählweise bediente wie Winckler in seinem Pumpernickel. Swennenbrügge. Schicksal einer Landschaft beschreibt, ebenfalls 1934, die Gemeinde Hopsten und ihre nähere Umgebung. Beide Bücher und Vers hofens Engagement für "Haus Nieland" und die "Töddenkultur" trugen ihm schließlich die Ernennung zum Ehrenbürger der Gemeinde ein.

Bereits in den 60er Jahren war das Haus Ziel zahlreicher Besucher, die immer eine offene Tür und in Willi Walter einen begeisternden Anekdotenerzähler fanden. Nach dem Tod Walters übernahmen es Theo Gress und seine Frau Liesel, Interessierte durch das Haus und seine Geschichte zu führen. Bereits in der großen Eingangshalle findet man zahlreiche Gegenstände, die Hopstener Traditionen dokumentieren. Ob es nun Schützenketten oder alte Aussteuertruhen sind - Gress weiß zu jedem Stück eine Geschichte zu erzählen. Im Zentrum seiner zahlreichen Führungen steht zum einem die Porzellansammlung Wilhelm Vershofens, die in einem hohen Vitrinenschrank ausgestellt ist, zum anderen der berühmte, rund 30 qm große "Blaue Saal", in dem die "Werkleute" tagten. Dieser Raum, ganz in einem dunklen, warmen Blauton gehalten und mit üppigen Stuckarbeiten an der Decke ausgestaltet, ist zwar nicht mehr im Originalzustand, aber zumindest einige Bilder und einzelne Möbelstücke sind noch so, wie sie in den 20er Jahren vorhanden waren. Erweitert wurde die Einrichtung durch eine kleine Bibliothek mit Werken der wichtigsten "Werkleute"-Mitglieder, einige zeitgenössische Fotos von Winckler und Vershofen sowie eine Totenmaske Wincklers. Außerdem werden dem Interessierten Dokumente einer anderen Persönlichkeit der Familie Nieland vorgestellt: Originaldokumente des königlichen Leibarztes Nieland, dem Winckler das Pumpernickel-Kapitel Die Erbschaft aus Düsseldorf (S. 74-84) widmete. Eine besondere Attraktion bildet ein zentrales Bild der Kopfwand: Ein Gemälde, das man Carl Friedrich Lessing (1808-1880) zuschreibt und das einen Turm in einer Landschaft zeigt. In das Gemälde wurde ein Uhrwerk eingebaut, das stündlich schlägt. Für den in westfälischen "Döhnkes und Vertellkes" besonders Bewanderten weist Theo Gress noch auf die Nähmaschine des "Schneiders Börnebrink" hin, einer literarischen Gestalt Wincklers, deren reales Vorbild einige Zeit als Hausschneider auf "Haus Nieland" lebte. Und auch der spätere Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler bleibt nicht unerwähnt: Seit 1846 als Pastor in Hopsten, ist er auch heute noch für zahlreiche Anekdoten gut.

Durch den unermüdlichen Einsatz Willi Walters und seiner Familie präsentiert sich "Haus Nieland" heute als ein Privatmuseum, das bei jedem Besucher einen lebendigen und sehr persönlichen Eindruck hinterläßt. (Kontakt: Theo Greß, Haus-Nieland-Straße 6, 48496 Hopsten, Tel.: 05458/575, oder Heimatverein Hopsten, Christa Tepe, Gartenstr. 26, 48496 Hopsten, Tel: 05458/473.


Wolfgang Delseit: "Haus Nieland" in Hopsten. Töddenstube und Literatenwinkel. In: Literatur in Westfalen. Beiträge zur Forschung 4/1998, S. 313-323

 


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