Die Gemeinschaft der Künstler und Kunstfreunde e.V. in Köln (1949-1993). Individuelles Engagement beim kulturellen Wiederaufbau


"
Dat is doch nur jet för de feine Lück!", soll der bergische Briefträger gesagt haben, als ihn die Sängerin und Maria Philippi-Schülerin Elisabeth Delseit zu einem Haus konzert einlud. Oft kolportiert, liebevoll mit Details ausgeschmückt, blieb es all die Jahre für Elisabeth Delseit die Gesprächseinführung, wenn es um die Gemeinschaft der Künstler und Kunstfreunde e.V. und deren Belange ging. Mag es nun Verklärung oder tatsächlich geschehen sein, relevant ist das Ergebnis, das zum Vorschein kam.
Aus dem zerbombten Köln 1945 ins Bergische, nach Landwehr bei Marialinden, evakuiert, führten die Sängerin Elisabeth Delseit (1908-1999) und ihr Mann, der Konzertpianist Karl Delseit (1904-1971), seit dem Herbst 1947 Hauskonzerte durch, zu denen sie Freunde und Interessierte aus dem bergischen Kreis und Köln einluden. Was als Privatinitiative begann, organisierte sich 1949 - nicht zuletzt Dank der Hilfe des Kölner Verlegers August Neven DuMont ("Kind, dann musst Du einen Verein gründen!") und vieler anderer - zu einem Verein, der unter dem Namen Gemeinschaft der Künstler und Kunstfreunde e.V. eingetragen wurde und bis in die Gegenwart hinein Bestand hatte.
Die Gemeinschaft stand in einer Kölner Tradition der Förderung von Kunst und Kultur aus der Bürgerschaft heraus, die bereits in den 20er und 30er stark vertreten war. So wie das bürgerliche Engagement zuvor Sache des Grossbürgertums war (Familien wie von Schnitzlers, Seligmann, Reiffenberg), so hing auch der Beginn der Gemeinschaft mit den Häusern DuMont oder Brügelmann eng zusammen.
Ziel des Vereins sollte sein, Kammermusik und Literatur zu popularisieren, "Schwellenangst" abzubauen und der klassischen Musik ein neues Publikum zuzuführen. In einem Interview mit der Kölnischen Rundschau (1966) sagte Elisabeth Delseit, die Gemeinschaft

    will abseits stehende Menschen an die Musik heranführen und dem hochqualifizierten musikalischen Nachwuchs die Möglichkeit geben, sich dem Publikum und der Presse in einem Einführungskonzert vorzustellen.

Dafür war man auch von Anfang an bereit, Schulkonzerte zu organisieren und bereits Kinder mit der Musik in Kontakt zu bringen. Künstler sollten in die Schulen gehen und vor Schülern über Musik und Technik sprechen. Die Idealvorstellung, die Elisabeth Delseit entwickelte, und an der sie bis zu ihrem Lebensende festhielt, ging davon aus, dass einerseits Schwellenängste vor dem Konzertbesuch vermieden werden sollten, indem man Jugendliche aller sozialen Schichten behutsam zur Musik führte und damit ein zukünftiges Publikum heranbildete. Andererseits sollte der junge, voll ausgebildete Künstler hierdurch Routine gewinnen und bekannt werden.
Rasch bildeten sich unter dem von Elisabeth Delseit geleiteten Dach der Gemeinschaft, deren Sekretariat zunächst noch von Ruth Walther in Overath geführt wurde, eigene Sektionen in Köln und dem näheren Umland. Für Februar 1950 sind bereits sieben solcher Gruppen mit jeweils eigenen Aufführungsstätten belegt: Marienburg-Rodenkirchen (Haus Brügelmann), Köln-Stadtmitte (Galerie Der Spiegel in der Richarzstrasse), Riehl (Clubhaus der Riehler Heimstätten), Lindenthal-Braunsfeld und Ehrenfeld (Hörsaal der Nervenklinik in der Lindenburg), Dellbrück (ev. Gemeindesaal) sowie Overath (Bergischer Löwe).
Abwechselnd fanden Veranstaltungen auch im Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln, in verschiedenen Gaststätten sowie Privathäusern statt. Ausschlaggebend für den Veranstaltungsraum in dieser Frühzeit war häufig allein das Vorhandensein eines Klaviers! (Franz Rudolf Menne, 1989)
Innovativ waren die Vorstellungen als solche dahingehend, dass man sich schon frühzeitig interdisziplinär gab: Musik, Literatur und Bildende Kunst waren die drei Säulen, die neben dem geselligen Beieinander wie beim Künstlerfest Karussel, das am 2. Februar 1952 in den Räumen des Stadtgarten-Restaurants stattfand, das Leben der Gemeinschaft in den ersten Jahren bestimmen sollten. Klassik, klassische Moderne und die Moderne nach 1945 bestimmten das Programm der Gemeinschaft. Ausstellungen mit dem damaligen Dürerpreis-Träger und Maler der neuen Sachlichkeit Barthel Gilles und dem Modernen Bert May traten neben Vorträge über zeitgenössische religiöse Dichtungen, die etwa Grete Kelenburg 1950 in verschiedenen Kölner Stadtteilen hielt. Zum geselligen Miteinander trafen sich die Mitglieder, die verschiedensten sozialen Schichten entstammten, zu Ausflügen nach Bonn oder zu Wanderungen durch den Königsforst. Überhaupt wuchsen die Mitglieder rasch zu einem familiären Kreis zusammen: Man kannte sich und traf sich regelmässig zu den Konzerten.
Organisatorisch hatten sich unterhalb der Vereinszentrale in Köln, neben den o. g. noch die Gruppen Bensberg und Bensberg-Refrath gebildet, die den in Köln auftretenden Künstler in der jeweiligen Region zum zweiten oder dritten Mal zu einem Konzert verhalfen, nachdem sie bereits in Köln gespielt hatten. Eng arbeitete man auch schon früh mit der Stadt Bergisch Gladbach, insbesondere mit der Volkshochschule, zusammen und suchte Kontakte zu anderen deutschen Städten, um junge Künstler zu häufigeren Konzerten zu verhelfen.
An der Spitze des Vereins stand Elisabeth Delseit. Als Gründerin, 1. Vorsitzende und Geschäftsführerin wachte sie über seine Belange. Über die Jahre hinweg stand ihr ein personell wechselnder Vorstand zur Seite, der aber über keinerlei Rechte verfügte, zumal es von Beginn an Elisabeth Delseit war, die zum einen die personelle Kontinuität verkörperte und zum anderen die Gelder für die Konzerte besorgte. So wurden die Jahresprogramme der Gemeinschaft, die zeitweise eine Auflage von 5.-10.000 Exemplaren erreichten, allein durch Anzeigen örtlicher Unternehmer (Klavierhäuser, Druckereien, Banken, Buchhandlungen etc.) finanziert. Der erwirtschaftete Überschuss kam den Veranstaltungen zugute. Kosten für das Sekretariat zahlte die Vorsitzende aus ihrer Tasche, indem sie die Geschäftsräume in ihrer Privatwohnung einrichtete und sie der 1959 gegründeten Konzertdirektion Elisabeth Delseit angliederte. Des weiteren organisierte sie Spenden für die Gemeinschaft und immer wieder Sonderkonzerte, auf denen die mittlerweile arrivierten Künstler kostenfrei für den guten Zweck spielten (so zum 50., 100., 150., 200., 250. und 500. Konzert Junger Künstler). Der Zweck des Vereins bedingte dessen Gemeinnützigkeit, was die steuerliche Abzugsfähigkeit der Spenden bewirkte. Elisabeth Delseit war immer auf der Suche nach neu zu erschliessenden Geldquellen. - So gaben Söhne unbekannterer Komponisten auch schon einmal eine grössere Spende, damit junge Künstler das Werk des Vaters einstudieren konnten und auf einem Konzert Junger Künstler vortrugen. Und manch rührige Vater zahlte mittels einer Spende die anfallenden Kosten, damit sein Sprössling nach Abschluss des Studiums eine Auftrittsmöglichkeit erhielt. Hauptmäzenin aber blieb die 1. Vorsitzende, die neben ihrem lebenslangen Engagement Hunderttausende in ihr Lebenswerk gesteckt hat und Defizite am Saisonende ausglich. Darüber legen nicht zuletzt die jährlichen Protokolle und Rechenschaftsberichte, die im Historischen Archiv Köln liegen, beredtes Zeugnis ab.

    Die Gemeinschaft, ein eingetragener Verein von durchaus ansehnlicher Mitgliederzahl, wurde vor allem von Elisabeth Delseits Tatendrang getrieben - ein Tatendrang, der weit über normales ehrenamtliches Engagement hinausging. Man kann sich fragen, woher Elisabeth Delseit die dauerhafte Motivation dafür nahm. War es eine Kompensation dafür, dass die Zahl ihrer eigenen Auftritte zurückging? War es Eigennutz zugunsten ihrer Künstleragentur? Alle, die sie kannten, wissen, dass beidem nicht so war. Elisabeth Delseit betrieb eine uneigennützige Förderpolitik, und wenn das eine Kompensation war, dann allenfalls dafür, dass sie selbst am Beginn Ihrer Kariere Förderung erfahren hatte. (Robert von Zahn, 1999)

Der ganze Verein gestaltete sich fast wie ein - immer ehrenamtlich agierendes - Familienunternehmen: Elisabeth Delseit war 1. Vorsitzende, Leiterin des Sekretariats, Redakteurin der Vereinspublikationen und Mitglied der Jury für die Konzerte Junger Künstler in der Sparte Gesang; ihr Mann Karl Delseit Mitglied des Vorstandes und Mitglied der Jury in den Sparten Klavier und Kammermusik; der gemeinsame Sohn Joachim Delseit ebenfalls Mitglied des Vorstandes, Sekretär und verantwortlich für Werbung und Anzeigen in den Jahresprogrammen; die Schwester Ruth Walther Mitglied des Vorstands und Leiterin der Aussenstellen Bensberg und Bergisch Gladbach - alle vorgenannten waren neben dem Vorstandsmitglied Dr. Georg von Brasche auch Gründungsmitglieder.
Der wechselnden Jury gehörten u. a. an: Heinz Pauels, Heinz Schröter (Direktor der Staatlichen Hochschule für Musik, Köln) und Fritz Straub (1956); Siegfried Palm (Direktor der Staatlichen Hochschule für Musik, Köln), Igor Ozim, Sylvie Mercier (Paris), Wolfgang Marschner und Siegfried Behrend (1971); Ludwig Hoffmann (München), Tiny Wirtz (die seit 1990 auch dem Vorstand angehörte) und immer noch Paul Haletzki (1993).
Ganz im Sinne der Breitenwirkung lagen auch die Eintrittspreise für die Konzert-Veranstaltungen. Die älteste im Depositum des Historischen Archivs überlieferte Kritik ohne Angaben stammt vom 8. November 1949 und widmet sich den durch Walter Braunfels und Karlheinz Franke in den Häusern Brügelmann/Marienburg und Dr. Steinmann/Innenstadt aufgeführten Violinsonaten Ludwig van Beethovens. In den Privathäusern und öffentlichen "Veranstaltungssälen" brachte man etwas zu trinken oder zu essen mit (im Winter Briketts) und zahlte 50 Pf. Eintritt. Im Kölner Gürzenich betrug der Eintrittspreis Mitte der 50er Jahre 3,00 DM (Sonderveranstaltung), im Belgischen Haus 2,00 DM (Konzerte Junger Künstler); Studenten, Schüler und Lehrlinge zahlten generell 1,00 DM (bei gleichzeitiger Mitgliedschaft war der Eintritt in die Konzerte Junger Künstler sogar frei); Mitglieder, die bis in die 70er Jahre hinein einen Mitgliedsbeitrag von jährlich 12,00 DM zahlten (wofür sie auch die Jahresprogramme geschickt bekamen, zusätzlich über Son derveranstaltungen für Mitglieder informiert wurden und freien Eintritt zu den Veranstaltungen in Bergisch Gladbach und Bensberg erhielten), zahlten je nach Veranstaltungsart zwischen 50 Pf. und 1,00 DM. Teurer waren nur die Grossveranstaltungen im "Grossen Sendesaal" des WDR, wo je nach Sitzreihe die Preise von 2,00 bis 4,00 DM lagen. Im übrigen blieben diese Preise bis 1964 konstant; der Mit gliedsbeitrag wurde erst 1971 angehoben: auf 15,00 DM jährlich. Darüber hinaus gab es natürlich immer Mitglieder, die ein vielfaches des Jahresbeitrages zahlten und somit mäzenatisch für die jungen Künstler wirkten.

Die Konzerte Junger Künstler

Nachdem die ersten Konzerte - das erste ist für den 17. September 1949 nachgewiesen, als Karl Delseit in Lindenthal Klavierstücke von Chopin spielte - zumeist noch in Privathäusern stattgefunden hatten, fand die Gemeinschaft 1951 eine feste Spielstätte im Café Gronenborn auf der Aachener Str. 1. Damals gab es in Köln kaum geeignete Räume für Konzerte; Noten und Heizmaterial waren knapp. Dennoch kamen Zuschauer in die Hörsäle, Altenheime, Gemeindehäuser oder Privatwohnungen, wo die Konzerte abgehalten wurden. "Kulturhunger", so Robert von Zahn 1996 in dem Band Kunst und Kultur nach 1945, "ist ein häufig gebrauchtes Wort, um die Begeisterungsfähigkeit der Deutschen in den zerbombten Städten von 1945 zu beschreiben". Die Anzahl der ersten Konzerte lässt sich mangels Unterlagen kaum erfassen, doch es sind ihrer viele gewesen. Neben den normalen Konzerten mit bereits in der NS-Zeit wirkenden Künstlern fanden erste Konzerte unter dem Titel Junge Künstler stellen sich vor statt.
Die endgültige Wirkungsstätte fand Elisabeth Delseit, als ihr der belgische Offizier und damalige Leiter des Belgischen Hauses in Köln, Oberst Nanon, die Nutzung des neuen Konzertsaales in der Cäcilienstrasse (mit 200 Sitzplätzen) anbot. Von 1952 bis 1993 fanden hier alle Kölner Konzerte der Gemeinschaft statt, wobei das Adventskonzert bei Kerzenschein am 2. bzw. 3. Advent den traditionellen - auch hinsichtlich des Besuches - Höhepunkt des jeweiligen Konzertjahres bildete.
Im ersten Kammermusikabend der neuen Reihe Konzert Junger Künstler, die aus der Reihe Junge Künstler stellen sich vor entstanden war, stellte sich die Nachwuchsgeigerin Elfriede Früh, Preisträgerin des Wett bewerbs der 1. Düsseldorfer Musikmesse, dem Kölner Publikum vor. Voraussetzung für ein Auftreten in der Reihe war die schriftliche Bewerbung, die nachwies, dass der Kandidat unter 30 Jahre alt war, und das Vorspielen vor der Jury. Oft reichte jedoch schon die Empfehlung eines Jurymitgliedes aus. Bei einer Aufnahme in die Reihe stellte die Gemeinschaft als Trägerverein den Veranstaltungsraum, liess Plakate und Programme drucken, verpflichtete aber gleichzeitig den jungen Künstler, der honorarfrei spielen musste, sich an der Werbung zu beteiligen.
Bereits das 50. Konzert Junger Künstler, das die Gemeinschaft im Mai 1957 mit Unterstützung des Westdeutschen Rundfunks feierlich im "Grossen Sendesaal" veranstaltete, präsentierte Künstler, die in der Gemeinschaft debütiert hatten: Wilma Funken (Sopran), Alfred Trippner (Violine) und Alfons und Aloys Kontarsky (Klavier) spielten gemeinsam mit dem Kölner Rundfunk- Sinfonie-Orchester unter der Leitung von Christoph von Dohnanyi zu Ehren des ersten Vereinsjubiläums.
Bis 1993 konnten 617 Konzerte Junger Künstler (die Zählung orientierte sich allein an den Kölner Konzerten) und zahlreiche Sonderveranstaltungen durchgeführt werden: Lesungen bekannterer Autoren in den ersten Jahren ebenso wie Jubiläumskonzerte mittlerweile arrivierter Künstler, die ihre ersten Bühnenerfahrungen noch innerhalb der Konzerte der Gemeinschaft gemacht hatten, aber auch Austauschkonzerte und Sonderkonzerte mit bekannteren Künstlern, die vor allem im Kölner Gürzenich gespielt wurden. Hierzu gehören insbesondere die Zyklen, die Karl Delseit jeweils innerhalb eines Monats spielte. 10 bis 20 Konzerte pro Saison standen allein in Köln auf den Jahresprogrammen der Gemeinschaft der Künstler und Kunstfreunde e. V., die seit 1955 in Form eines Din A5-Heftes erschienen.
Eine anlässlich des 40jährigen Bestehens der Gemeinschaft aufgelegte Festschrift verzeichnet Künstler wie den Geiger Saschko Gawriloff, das Klavierduo Alfons und Aloys Kontarsky, den Flötisten Hans Jürgen Möhring, den Cellisten Siegfried Palm, die Pianistin Tiny Wirtz, Walter Braunfels oder Helmut Müller-Brühl mit seinem Orchester - über 700 junge Künstler und Ensembles wurden vorgestellt. Für viele Künstler bedeuteten diese Konzerte, verbunden mit Kritiken einer kunstfördernden und wohlwollenden Kölner Presse, den Beginn einer erfolgreichen künstlerischen Laufbahn. Daher findet sich auch in den Jahresprogrammen von 1955 bis 1958/59 die Rubrik Künstler, die wir hörten, in der der weitere Lebensweg der erfolgreicheren Künstler aufgezeigt wurde:

    So konnten schon wirkliche Entdeckungen gemacht werden, und es war die Gemeinschaft, die zum ersten Male das Klavierduo Aloys und Alfons Kontarsky im grossen Saal des Belg[ischen] Hauses in einem Konzert junger Künstler herausstellte. Auch der hervorragende Nachwuchspianist Ludwig Hoffmann, der ein Jahr später im Kölner Meisterkonzert spielte, debutierte hier. Des weiteren der Tenor Theo Altmeyer, jetzt Städt. Oper, Berlin, der hochdramatische Sopran von Marlies Siemeling, ebenfalls jetzt Städt. Oper, Berlin, die Cellisten Klaus Storck, Jacob Muckel, Christa Schotte, der hervorragende junge Geiger Alfred Trippner. (1957)

Auf den Abend-Programmen finden sich neben dem klassischen Repertoire der einzelnen Instrumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert gerade in den 50er Jahren nahezu progressive Komponisten der Klassischen Moderne wie Heinz Pauels (mit mehreren Uraufführungen) oder Franzjos Frey (die Reihe wurde Kölner Komponisten genannt), eine Tradition, die die Geschichte der Gemeinschaft auch in ihrem weiteren Verlauf begleitete. So findet man im Programm von 1989/90 einen Abend mit Schülern von Hans Werner Henze, einen weiteren Hans-Eisler-Abend mit dem Pianisten Falko Steinbach und schliesslich einen Abend mit Kompositionen des jungen Kölner Oliver Niemöller.
Aber man war auch international: Niederländische, belgische, französische und spanische Künstler debütierten in den ersten Jahren, in den 60er Jahren folgten osteuropäische Musiker, und in den 70er Jahren kamen asiatische, lateinamerikanische und amerikanische Künstler dazu, die ihre ersten Konzerterfahrungen sammeln konnten. Schon früh betrieb die Gemeinschaft die Politik, mit anerkannten ausländischen Fördergruppen Austauschkonzerte zu vereinbaren. So stellte die niederländische Stiftung Gaudeamus im Mai 1957 im Konzertsaal des Heimatmuseums Bensberg Junge Holländische Komponisten vor. In dem Deutsch-Indischen Austauschkonzert am 3. März 1958, dessen 2. Teil dem 50. Geburtstag des Kölner Komponisten gewidmet war, wurde das Quartett op. 92 a "Mardi Gras" von Heinz Pauels uraufgeführt. Mitwirkende dieses Spektakels waren Hans Krug (Flöte), Peter Stowasser (Viola), Karl Delseit (Klavier) und Siegfried Rockstroh (Schlagzeug). Nach dem Konzert wurde das Stück zur szenischen Uraufführung für den nächsten Ballett-Abend von den Städtischen Bühnen Köln erworben.
Unkonventionell und innovativ war man bei der Gemeinschaft: Zu einer Zeit, da noch kein Mozart ohne Pumps und Faltenrock, kein Beethoven ohne Schlips und Bügelfalten denkbar war, sah man Blue Jeans und Turnschuhe in den Konzerten Junger Künstler.
Unkonventionell war auch Elisabeth Delseits Engagement, wenn es darum ging, Mittel und Hilfe für die jungen Künstler und die Gemeinschaft zu organisieren. So mancher politisch, wirtschaftlich oder kulturell Verantwortliche wurde von ihrer Kraft überrollt, wenn es darum ging - angesichts leerer Kassen - Unterstützung zu erhalten, will heissen: "Die richtigen Leute zur richtigen Zeit zu finden": etwa August Neven DuMont, der den von ihr verfassten Gründungsaufruf in die Zeitung setzte, Margarethe Zanders von der Papierfabrik Zanders, die ihr das Papier zur Verfügung stellte, damit der Gründungsaufruf der Gemeinschaft gedruckt werden und von ihr persönlich in Köln verteilt werden konnte, oder ab 1955 den Kölner Kulturdezernenten Kurt Hackenberg, der mehrfach Massenbriefe durch die städtische Hauspost besorgen liess und dafür sorgte, dass von Zeit zu Zeit finanzielle Unterstützung in die notorisch leeren Kassen der Gemeinschaft floss, und zuletzt der heutige Bundespräsident Johannes Rau, der 1989 die Schirmherrschaft über das Festkonzert übernahm und der Gemeinschaft einen nicht unbeträchtlichen Scheck der Landesregierung überreichte. Aber auch die Kölner Presse, die über alle Jahre die Konzerte Junger Künstler aufmerksam und durchaus wohlwollend begleitete, bekam angesichts einer schlechten Kritik das persönliche Engagement der Elisabeth Delseit zu spüren. "Sie ist", so Marianne Kierspel, die als Musikkritikerin des Stadt-Anzeigers viele Konzerte begleitete, "entwaffnend. Auch ihre Ausdauer, Tatkraft und Hartnäckigkeit imponieren. Sie gehört zu den Kölnern, die sich nicht darauf verlassen, dass die für die Kultur Zuständigen schon alles richten werden."
Von der ideellen Unterstützung etwa durch die Verantwortlichen der Stadt zeugen auch zahlreiche Grussworte von Oberbürgermeistern (etwa Theo Burauen oder Norbert Burger) oder Oberstadtdirektoren (wie Kurt Rossa) in den Jahresprogrammen der Gemeinschaft. So Klaus Heugel, damaliger SPD-Fraktionsvorsitzender im Rat und spätere Oberstadtdirektor in Köln, in seinem Grusswort zur Festschrift 1989: "Als Schüler habe ich diese Konzerte gerne besucht, weil diese Musikangebote damals in Köln einzigartig waren."
Auch der rheinisch-westfälische Schriftsteller Josef Winckler unterstützte zwischen 1952 und 1966 die Arbeit der Gemeinschaft der Künstler und Kunstfreunde e.V. sowohl als Mitglied als auch als nicht mehr ganz junger Künstler in verschiedenen Sonderveranstaltungen. Durch seine spätere Lebensgefährtin Ruth Walther und den Gründer des Hermann-Hesse-Archivs in Köln, Erich Weiss, lernte Winckler 1951 Karl und Elisabeth Delseit kennen und schätzen. Von 1953 bis zu seinem Tod 1966 gehörte er dem Vorstand der Gemeinschaft an und nahm hier massgeblich Einfluss auf die literarischen Veranstaltungen, die gerade in der Frühzeit der Gemeinschaft noch regelmässig durchgeführt wurden. Insbesondere die Galerie Der Spiegel, die von Eva und Hein Stünke, die sich über Jahrzehnte für moderne und zeitgenössische Kunst engagierten, betrieben wurde, war 1950/51 Ort verschiedener literarischer Veranstaltungen.
Winckler stellte die Kontakte der Gemeinschaft zu den Schriftstellern Jakob Kneip, Leo Weismantel, Hanns Martin Elster, Otto Wohlgemuth und Paul Schallück her, die alle im Kölner Konzertstudio Die tönende Partitur (Unter Fettenhennen 9 II) im Rahmen von Sonntagvormittag-Veranstaltungen um 11.15 Uhr lasen und mit dem Publikum diskutierten; ganz nach dem Vorbild der zu dieser Zeit durchgeführten Kölner Mitt wochsgespräche.
Die erste Lesung mit Josef Winckler fand am 7. November 1952 im Konzertsaal des Belgischen Hauses statt. Auf dem Programm stand die literarisch-musikalische Umsetzung der 1937 entstandenen Novelle Wincklers Adelaide. Beethovens Abschied vom Rhein. Winckler selbst las ausgewählte Stellen aus der soeben erschienenen 2. Auflage, Karl Delseit spielte die Beethoven'sche Frühkomposition Vieni Amore, und der Tenor der Städtischen Bühnen Köln, Albert Weikenmeier, sang das Lied Adelaide nach dem Text von Friedrich Matthisson (1761-1831).
Aktiv beteiligte sich Winckler auch an den sonstigen kulturellen und gesell schaftlichen Veranstaltungen der Gemeinschaft. Damals traf man sich nach den Konzerten noch im Speiselokal Weinhaus Duhr am Filzengraben in der Nähe der Trinitatiskirche. Hier wusste Winckler den illustren Kreis aus Künstlern und Kunstinteressierten durch seine Anekdoten und Spukgeschichten zu unterhalten.
Aber Wincklers Einfluss auf die Gemeinschaft und deren Mitglieder ging auch von seinem Werk aus. So nahmen drei langjährige Mitglieder der Gemeinschaft, die Komponisten Franzjos Frey, Paul Haletzki und Heinz Pauels, literarische Texte Wincklers als Grundlage ihrer modernen Kompositionen: Die 1953 entstandene Komposition des Kölner Komponisten Heinz Pauels nach Gedichten aus dem Mutterbuch (1939) wurde von allen Winckler- Vertonungen am häufigsten aufgeführt, wohl weil sie von Besetzung und Umfang her am genügsamsten war. Die Anregung zur Vertonung dieser Gedichte gab Elisabeth Delseit, die auch den Kontakt zwischen Pauels und Winckler herstellte. Die Uraufführung der Drei Gesänge für Sopran und Klavier nach Gedichten von Josef Winckler op. 89 b fand unter Mitwirkung von Karl Delseit und der Sopranistin Charlotte Pauels-Hoffmann in Anwesenheit des Komponisten und des Dichters im Rahmen eines Sonderkonzertes am 12. April 1955 bei der Gemeinschaft in Bensberg statt. Drei Tage später wurde das Konzert in Köln wiederholt. Franzjos Frey vertonte 1953-55 Gedichte aus dem 1949 erschienenen Buch Die Schöpfungsfeier unter dem Titel: Schöpfungsfeier. Eine Mutterkantate von Josef Winckler für grosses Orchester, Sopran, Bariton, Chor, Sprecher und Sprechchor. Winckler selbst gab die Anregung zur Vertonung, setzte sich aber vergeblich für deren Aufführung ein. Paul Haletzki vertonte 1972 ein Sonett aus dem 1914 veröffentlichten Buch Eiserne Sonette innerhalb seiner Komposition Der Mensch, Der Mensch ... Nach alttestamentarischen und soziologischen Texten für Solo, Chor, Jazzgroup und Orchester, die 1973 bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen uraufgeführt wurde. Haletzki verwandte dabei das wohl bekannteste und am häufigsten zitierte Industrie-Gedicht Wincklers.
Das Ende der Gemeinschaft kam langsam, unspektakulär, aber unaufhaltsam: In den ersten Jahren mangelte es nicht an Publikum, auch wurden zahlreiche Musikliebhaber und Institutionen als Mitglieder geworben (zeitweise zählte die Gemeinschaft einige hundert Mitglieder). Die frühen Konzerte und Sonderveranstaltungen erfreuten sich eines regen Besuches, egal welche Künstler spielten - und so mancher musikalische Ausrutscher war schon dabei. Doch seit den späten 70er Jahren liessen die Besucherzahlen der Konzerte Junger Künstler nach, und die jungen Künstler spielten oftmals vor fast leeren Stuhlreihen - einzig Elisabeth Delseit hat in den über 40 Jahren des Bestehens kein Konzert versäumt. Der "Kulturhunger" der frühen 50er Jahre war der "Kultursättigung" gewichen. Erschwerend hinzu kam, dass auch andere Organisationen - allen voran der WDR und die Musikhochschule - eigene Konzerte zur Förderung des musikalischen Nachwuchses durchführten, ohne dass die Gemeinschaft eine Kooperation erwogen hätte. Ein Grund für den Rückgang der Mitgliederzahlen war, dass die meisten Mitglieder bereits in den frühen 50er Jahren der Gemeinschaft beigetreten waren und aus Altersgründen die Konzerte nicht mehr besuchen konnten.
So lautet 1999 das treffende Fazit Robert von Zahns über Elisabeth Delseit und die Gemeinschaft auch:

    In vielen Kreisen des Rheinlandes haben sich die Freitagabende der Gemeinschaft im Belgischen Haus eines geradezu legendären Rufs erfreut. Man kann bewusst sagen legendär, denn in den letzten Jahren ihres Bestehens wurden die Konzerte der Gemeinschaft schon zu ihrer eigenen Legende - in den Erinnerungen vieler einstiger Stammgäste gepflegt, doch nicht mehr gut besucht und von den Musikern auch nicht mehr so gesucht.

Die Zeit war über das Ansinnen Elisabeth Delseits hinweggegangen. Der bundesdeutsche Konzert- und Wettbewerbsbetrieb hatte in den 80er Jahren eine Frequenz und Dichte erreicht - und trotz aller Kulturuntergangsvisionen bis heute gehalten -, die die Delseit-Gemeinschaft als Steigbügelhalter weitgehend unnötig machte.
Da die Gemeinschaft in erster Linie von dem persönlichen Engagement der Gründerin und Vorsitzenden lebte, kam das schliessliche Ende mit Alterskrankheiten der Gründerin. Als Elisabeth Delseit mit 85 Jahren nicht mehr in der Lage war, trotz ungebrochenen Willens die Geschäfte der Gemeinschaft zu leiten und niemand sich bereit zeigte, ihre Arbeit fortzusetzen, hat der Verein mit ihr seine Aktivitäten eingestellt. Einen formalen Auflösungsbeschluss über den Verein hat es nicht gegeben. Mit dem Nachlass des Künstlerehepaares Delseit wurden die Bestände der Gemeinschaft satzungsgemäss dem Historischen Archiv der Stadt Köln zur Aufbewahrung und Auswertung eines Stückes Kölner Kultur- und Stadtgeschichte übergeben. Nach einer systematischen Aufarbeitung des Bestandes wird es sicherlich keine grundlegenden neuen Erkenntnisse über die Kunst und Kultur nach 1945 geben, doch zeigt der Bestand zumindest, wie nachhaltig persönliches Engagement die unmittelbare Umgebung prägen kann.

    Es war eine kulturpolitische Tat im Jahre 1949, kurz nach der Währungsreform, die "Gemeinschaft der Künstler und Kunstfreunde e.V. in Köln" zu gründen. Die Zähigkeit und Ausdauer von Frau Elisabeth Delseit, die nach Rück- und Schicksalsschlägen die Gemeinschaft bis zum heutigen Tage organisatorisch und künstlerisch so grossartig und erfolgreich geleitet hat, verdienen hohe Bewunderung. Viele berühmte Künstler haben in den vergangenen Jahren ihre ersten Konzerte in und mit der Gemeinschaft gegeben.

      Heinrich Lohmer, Kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Rat der Stadt Köln (1989)


[Pseud.] Die "Gemeinschaft der Künstler und Kunstfreunde e.V." in Köln (1949-1993). Individuelles Engagement beim kulturellen Wiederaufbau. In: Dieter Breuer/Gertrude Cepl-Kaufmann (Hg.): Öffentlichkeit in der Moderne - Moderne und die Öffentlichkeit. Das Rheinland 1945-1955. Vorträge des interdisziplinären Arbeitskreises zur Erforschung der Moderne im Rheinland. Essen: Klartext 2000, S. 269-282

 


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