wild, ungestüm und ausladend
Josef Winckler (1881-1966)


Die Literaturgeschichte kennt ihn als einen der Begründer der deutschen Industrielyrik und hymnischen Verehrer des I. Weltkriegs; Leser der älteren Generation verbinden seinen Namen allenfalls noch mit der Gestalt des 'westfälischen Schelmenbarons' Der tolle Bomberg, dessen fiktive Biographie er 1923 bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart veröffentlichte; den jüngeren Generationen ist der rheinisch-westfälische Schriftsteller Josef Winckler fast gänzlich unbekannt, obwohl 42 selbständige Buchveröffentlichungen seit 1904 erschienen und einige seiner Bücher 'bestseller' wurden.

In den 20er, 30er und 50er Jahren unseres Jahrhunderts sah dies ganz anders aus. In diesen Jahren verbanden ihn freundschaftliche Beziehungen zu allen bedeutenderen Schriftstellern des Rheinlands - mögen sie nun Josef Ponten, Wilhelm Schäfer, Paul Zech, Alfons Paquet oder Otto Brües heißen. Sein umfangreicher, im Kölner Nyland-Archiv gesammelter Nachlaß umfaßt zudem Korrespondenzen mit Richard Dehmel, Ernst Toller, Alfred Döblin, Thomas Mann und Walter Rathenau. Verbindungslinien lassen sich zu regionalen wie überregionalen Zeitschriften, Zeitungen und Verlagen ziehen. Es gibt kaum eine Literaturgeschichte der 20er bis 40er Jahre, die seinen Namen nicht erwähnte, kaum eine Neuerscheinung von ihm, die nicht in den führenden Zeitungen und Zeitschriften ausführlich besprochen worden wäre, kaum eine Veranstaltung, auf der er nicht eingeladen oder an der er aktiv beteiligt war. Umtriebig war er, engagiert in Sachen Literatur und Kunst, ein Förderer junger Talente und ein Propagandist seines eigenen Werkes, das er - solange er lebte - als ein bedeutendes sah. Umtriebig war er auch als Gründer und Mitbegründer sowie Mitglied literarischer Gruppierungen und Institutionen. So beteiligte er sich aktiv an der Gründung der Künstlergruppe Der weiße Reiter, zu der sich 1919 katholische Schriftsteller und Maler um Karl Gabriell Pfeill zusammenschlossenen, gründete 1921 mit anderen Schriftstellern (u.a. mit Otto Brües und Jakob Kneip) den Gau Rheinland im Schutzverband Deutscher Schriftsteller und organisiert 1922 u.a. mit Herbert Eulenberg die 1. rheinische Literatur- und Buchwoche in Köln; 1924/25 bereitete er publizistisch die Feierlichkeiten anläßlich des 1000jährigen Bestehen des Rheinlands mit vor; zwischen 1927 und 1932 beteiligte er sich - auch organisatorisch - an den Treffen des Bundes rheinischer Dichter; 1929 wurde er Jurymitglied der Johannes- Fastenrath-Stiftung, die u.a. Hanns Henny Jahnn auszeichnete; und 1934 förderte er die Kölner WOESAM-Presse, in der sich bildende Künstler (u.a. Franz M. Jansen) zusammengeschlossen hatten.

Geboren im westfälischen Rheine, lebte die Familie seit 1894 im Rheinland, zuerst in Kempen a.N., dann Krefeld und schließlich Bonn, wo Winckler von 1902 bis 1906 Zahnmedizin studierte, bevor er sich 1907 als Zahnarzt in Moers niederließ. Der bürgerliche Beruf des Dentisten schuf ihm im Laufe der Jahre die notwendige finanzielle Basis, die ihm das Schreiben ermöglichte. Diese Basis war dann auch ein Teil der Programmatik der 1912 von ihm mitbegründeten Schriftstellervereinigung Werkleute auf Haus Nyland, die als Avantgarde der Industriedichtung den Weg für die Anerkennung der Industrie- und Arbeitswelt als Gegenstand der 'schönen Literatur' und damit der Arbeiterliteratur überhaupt bereitete. In den 1912 bis 1914 - anfänglich anonym - erschienenen Eisernen Sonette besang er in mächtiger seelischer Ergriffenheit mit symbolistischer Stimmungskunst das brausende Leben der Arbeit in seiner Vielgestaltigkeit in der Welthafenstadt und im Fabrikwesen großstädtischer Industrie, ein sprachgewaltiger Künder des Geistes einer eisernen Zeit und eines eisenharten, zu strengster Pflichterfüllung angespannten Geschlechts, wie der Literaturhistoriker Oswald Floeck 1926 feststellte.

Nach einer durch das Ende des I. Weltkriegs bedingten Phase der Orientierungslosigkeit, die ihn verschiedene Themen und Stile ausprobieren ließ, und seinen ersten literarischen Erfolgen im Rheinland wandte er sich bereits Anfang der 20er Jahre verstärkt westfälischen Themen zu, die ihm 1923 mit dem Erscheinen des volkstümlich-anekdotischen Romans Der tolle Bomberg seinen größten literarischen Erfolg bescherten. Mit diesem Erfolg (das Buch erlangte bis heute eine Gesamtauflage von über 750.000 Exemplaren) wurde Winckler, der bis dahin einer der führenden Vertreter des rheinischen Schrifttums war, der führende Repräsentant der westfälischen Literatur. Folgerichtig baute er seine weitere literarische Karriere sowohl auf eine rheinische wie eine westfälische Säule auf. Seine regional und religiös gebundenen Heimatdichtungen der ausgehenden 20er Jahre ließen ihn dann 1933 auch hoffen, Anerkennung durch die als national apostrophierte Regierung Adolf Hitlers zu erlangen. Trotz seiner Versuche, systemkonforme Themen und Stile aufzugreifen, blieb diese Anerkennung aus - zumal Winckler seit 1919 mit der Kölner Jüdin Adele Gidion verheiratet und zu einer Scheidung von ihr nicht bereit war; und trotz seiner angepaßten Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus galt er dann in den 50er Jahren als integer. Für viele seiner Kollegen war Winckler so etwas wie ein Mittler zwischen zwei Autorengenerationen: jener, die im Dritten Reich in der ersten Reihe Platz genommen [...], danach aber vergeblich neuen Anschlu gesucht hatte, und jener, die nach dem Krieg einen neuen Anfangspunkt machte (W.Gödden). In rascher Folge veröffentlichte er nach 1946 mehrere Bücher mit westfälischen Anekdoten und Erzählungen, zumeist Auskoppelungen aus früheren Büchern. Doch im Gegensatz zu den jungen Autoren, die Mitte der 50er und Anfang der 60er Jahre die Literaturszene betraten, konnte Winckler, wie die Mehrheit der Schriftsteller seiner Generation, keine neuen Themen finden; er tradierte weiterhin die konservativen Vorstellungen und Werte des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Zwischen 1945 und 1955 vermochte er seine Leser mit seiner - wie er glaubte - werte- und sinnstiftenden Literatur zwar noch zu unterhalten, doch mit dem sich rasch vollziehenden Generationswechsel zu Autoren wie Heinrich Böll, Wolfgang Köppen oder Günter Grass, die mit ihrer engagierten Literatur die Schwachstellen der jungen bundesrepublikanischen Gesellschaft entlarvten und gegen die offizielle Literaturpolitik der Wirtschaftswundler anschrieben, gingen ihm mehr und mehr Leser verloren. Ein literarischer Neuanfang gelang Winckler nicht - vielleicht der wichtigste Grund, weshalb er heute nur noch ein kleines Lesepublikum hat. Auch kulturpolitisch engagierte er sich als ausgewiesener Angehöriger einer rassisch Verfolgten wieder sehr rasch: Gehörte er bereits 1947 zu den Mitbegründern des Westdeutschen Autorenverbandes, so beteiligte er sich 1949 an der Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die sich auch als Nachfolgeorganisation der durch die Nationalsozialisten diskreditierten Berliner Akademie verstanden wissen wollte. Unter regional westfälisch-niederdeutschen Gesichtspunkten gründete er gemeinsam mit Ludwig Bäte 1953 Die KOGGE, die 1924 bis 1934 von Wilhelm Scharrelmann, Manfred Hausmann und Karl Wagenfeld geleitet worden war, neu. Feststellen läßt sich aber, daß Winckler sein Spätwerk einzig noch auf die westfälische Literaturlandschaft abstellte. Entgegen der 20er Jahre beschäftigte er sich literarisch kaum mehr mit dem Rheinland. Die Jahre, die ihm von seinem Leben noch verblieben, verwandte er - besonders nach der Verleihung des westfälischen Annette von Droste-Hülshoff- Preises 1953 - auf die Neubearbeitung und Zuammenstellung einer vierbändigen Werkausgabe, die rund 3000 Seiten Westfälische Dichtungen umfaßt, und bei deren Erscheinen er 1964 feststellte: Jetzt kann ich in der Literatur Westfalens nicht mehr untergehen.

Zeit seines Lebens stand Winckler in einem Spannungsverhältnis zwischen seiner westfälischen und seiner zweiten, rheinischen Heimat. Dies Verhältnis spiegelt sich auch in der Rezeption seines Werkes wider. Wenn auf einen Autor das Attribut 'rheinisch-westfälisch' zutrifft, dann auf Josef Winckler. Man kann sagen, daß Josef Wincklers Ziel, einer kulturellen Synthese von Rheinland und Westfalen, durch die Gründung des Bundeslands Nordrhein-Westfalen 1946 verwirklicht wurde. Literarisch bearbeitete er das Verhältnis der Westfalen und der Rheinländer letztmalig 1955 in seinem Buch So lacht Westfalen. Auch ein Philosophie. Wincklers Bekenntnis zum Westfalentum beinhaltete für ihn nicht, daß er sich ausschließlich mit dieser Region beschäftigen wollte. Geprägt durch den langen Aufenthalt im Rheinland, immerhin lebte er dort von 1894 an ununterbrochen, schätzte er 'Geselligkeit' und 'Offenheit' des Rheinländers. Diese 'positiven rheinischen Elemente' wollte er den Westfalen, deren Sturheit und Streitbarkeit (Charakteristika, die ihn ebenfalls kennzeichneten) er schätzte, nahebringen. Er wünschte sich für 'seine' Westfalen mehr Offenheit und Spontaneität und für 'seine' Rheinländer weniger unverbindliche Freundlichkeit. Und: Erst dadurch, daß er im Rheinland lebte, erschien es ihm möglich, in der freieren Urbanität einer Stromlandschaft, in [...] größerer Weltaufgeschlossenheit unter einem beweglichen Menschenschlag, [...] die Konturen der niederdeutschen Tiefebene und ihrer rätselhaften Bewohner wahrzunehmen.

Wenn der rheinische Literaturkritiker Otto Brües anläßlich Wincklers 70. Geburtstag 1951 feststellt, daß die Dichtung klärender und sammelnder, sichtender und richtender Kräfte bedarf, die bei Winckler an zweiter Stelle stehen, wogegen an erster Stelle die Kraft der Visionen stünde, die ihm in Überfülle zuströmten, so ist eine weitere Ursache, weshalb Winckler heute kaum mehr bekannt ist, aufgedeckt: Für die Vermarktung seines Werkes waren das gesprochene Wort und die Person Wincklers mit all ihren Aktivitäten unabdingbar; und das Anekdotische seiner Bücher wurde nur durch seine persönlich gehaltenen Vorträge lebendig. Die geschriebenen Worte sind für den heutigen Leser dagegen nur noch schwer zumutbar, haben allebfalls noch den Stellenwert von (Literatur)Geschichtsbüchern, zu sehr haben sich Gegenstände, Stil und Duktus der neuen Autorengenerationen geändert, zu sehr war Winckler in seinem Denken und Schreiben den Traditionen des ausgehenden 19. Jahrhunderts verhaftet. In seiner Zeit traf Winckler den Publikumsgeschmack und sprach mit seinen Anekdoten - angesichts mannigfaltiger gesellschaftlicher Probleme - viele Leserschichten an, die eine Ablenkung von den Wirrnissen suchten. Was von ihm und seinem Werk bleibt ist der mythenschaffenden und phantasiebesetzende tolle Bomberg, der sich heute als eine Art westfälische Nationalgestalt verfestigt hat. Für die Literaturgeschichtsschreibung - auch hinsichtlich regionaler Aspekte - stellt Winckler ein Fallbeispiel für einen Autor dar, der die Klaviatur des Kunst- und Kulturbetriebes virtuos beherrschte und für die Propagierung seines Werkes auszunutzen verstand - oder, wie Walter Gödden in seinem Nachwort zum soeben erschienenen 6. Band der Werkausgabe (Briefwechsel 1912-1966) über den Instinktschriftsteller Winckler schreibt, der ein geschickter Propagandist seiner Werke und seiner eigenen Person war - ein Musterbeispiel strategischen und letztlich skrupelosen Karriereausbaus.


Wolfgang Delseit: wild, ungestüm und ausladend. Josef Winckler (1881-1966) In: neues rheinland 12/1995, S. 36

 


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