Der "tolle" Romberg - Sturz eines Mythos?

Den Freiherrn Giesbert von Romberg - im Volksmund gemeinhin als der 'tolle Bomberg' bekannt - umgeben seit seinem Tod (1897) eine Vielzahl von Legenden, die mehrheitlich auf der Mythologisierung der Person seit den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts fußen.
Ferdinand Zumbusch, Carl Prümer, Josef Winckler und Hubert Südekum - um nur einige zu nennen - nahmen sich zwischen 1923 und 1929 dieser schillernden historischen Persönlichkeit des westfälischen Adels in unterschiedlichster Weise an und schufen daraus einen westfälischen Mythos. Die Vielzahl der heute noch die Phantasie der Westfalen bewegenden Anekdoten über diesen westfälischen 'Nationalheiligen' gehen allerdings auf den Erfolgsroman Josef Wincklers zurück, der 1923 unter dem Titel "Der tolle Bomberg" in Stuttgart erschien und bis heute eine Gesamtauflage von fast 750.000 Exemplaren erreicht hat.
Die historische Person Giesbert von Romberg, die den Schriftstellern als literarisches Vorbild diente, gilt es in dem vorliegenden Aufsatz zu ergründen, denn Giesbert von Romberg war nichtder 'tolle Bomberg'.
Es sind immer wieder außergewöhnliche Menschen, die die literarische Gestaltungskraft einzelner Schriftsteller zum schöpferischen Ausdruck anregen; Legion ist die Zahl der Beispiele innerhalb der deutschen Literaturgeschichte. Personen, die sich über die Enge der gesellschaftlichen Konventionen ihrer jeweiligen Gesellschaftsschicht hinwegsetzen und für die Nachwelt Identifikationen schaffen, die von Fraternisierungs- bis Solidaritätsgefühlen reichen.
Giesbert - seit 1875 Freiherr - von Romberg war eine solch ungewöhnliche Person. Seine Eskapaden, die ihn zum enfant terrible seines gesellschaftlichen Standes machten, bilden auch die Grundlage seines literarischen Nachlebens und Mythos:
Am 20. Juli 1839 auf Schloß Buldern bei Münster als erbberechtigter Sohn des königlichen Kammerherren Klemens Konrad Franz vom Romberg und seiner Ehefrau Marianne geboren, wurde Romberg standesgemäß erzogen. Er genoß zuerst Privatunterricht im heimatlichen Schloß, bevor er 1854 das College de St. Servais in Lüttich besuchte. Anschließend wechselte er auf das königliche Progymnasium zu Linz und schloß 1858 seine Schullaufbahn auf dem Gymnasium zu Warendorf ab. Seine Zeugnisse weisen - bis auf eine Ausnahme, als er 1856 im Fach Griechisch das Klassenziel nicht erreichte, obwohl es ihm an Fleiß und Betragen nicht fehlte - überwiegend einen guten Notendurchschnitt auf und zeigen die übliche humanistische Schulausbildung der Adligen dieser Zeit. Tadel oder Verweise - wie man es bei seinem späteren Lebenswandel vermuten sollte - sucht man vergebens. Während seiner Warendorfer Schulzeit 1857/58 erhielt er auf dem Gestüt Warendorf Reitstunden, deren Erfolge auf dem Zeugnis ausdrücklich lobend erwähnt werden.
Sein Großvater und sein Vater zeichneten sich durch große Sparsamkeit aus, der es zu verdanken war, daß man - neben dem ererbten Besitz - große Ländereien und lukrative Bergwerke erwerben konnte; in der Nähe von Dortmund und Bochum besaß die Familie ergiebige Zechen; weitläufige Geschäftsverbindungen und gute Zinsanlagen brachten weitere Einkünfte, die die Rombergs zu einer der reichsten Familien Westfalens und Preußens machten. Die von Romberg sind ein altes protestantisches Adelsgeschlecht, welches aus der Grafschaft Mark stammt und sich auf die Familie Rodenberg/Ranberg zurückführt, die schon 1290 zu Allersbach bei Dortmund urkundlich nachgewiesen ist. Historisch am bekanntesten ist der Großvater Giesberts, der frühere Gouverneur von Stettin, Giesbert Wilhelm von Romberg (1773-1859), der es während der napoleonischen Herrschaft über Westfalen zum Präfekten des Ruhrdepartements brachte und den Grundstein für das ungeheure Familienvermögen legte, indem er auf seinen Zechen durch Einsatz von Dampfmaschinen den Ertrag optimierte und eine geschickte Geschäftspolitik betrieb. So verkaufte Giesbert von Romberg (1773-1859) noch 1858 die stillgelegte Zeche "Vollmond" im Ruhrgebiet für 300.000 Taler.
Auf Giesbert von Romberg, königlicher Kammerherr, Herr auf Brünninghausen, Ermelinghofen, Rüdinghausen im Kreis Dortmund, Colvenbrück i. Kr. Coesfeld, Westhemmerde i. Kr. Hamm etc. überkam die herrschaftliche Familiengewalt nach dem Tod des Vaters im Alter von 30 Jahren 1869. Damit wurde er, der bereits 1860 die um sechs Jahre ältere Heeßenerin Sophie von Boeselage- Heeßen geheiratet hatte (der Ehe entstammen sieben Kinder), gemessen an heutigen Maßstäben mehrfacher Millionär und übernahm die Verantwortung für die große Zahl von Bediensteten, Lohnabhängigen und Angestellten. Als Offizier des münsterischen Kürrassierregimentes nahm er 1866 am preußisch-österreichischen Hegemonialkrieg teil und richtete im deutsch-französischen Krieg 1870/71 in Brünninghausen ein Lazarett für Kriegsverwundete unter der Leitung seines Hausarztes ein.
Nach Aussage seiner Vettern reichte Sophie von Romberg bereits 1878 die Scheidungsklage gegen ihren Mann ein, um die Unterhaltsansprüche der gemeinsamen Kinder zu wahren. Doch die Eheleute sollen sich noch vor dem Tod Sophies am 28.11.1878 wieder versöhnt haben.
1881 stellten Giesbert Graf Wolf von Metternich und Clemens Freiherr von Romberg vor dem Amtsgericht in Dülmen einen Antrag auf Entmündigung ihres Vetters Giesbert von Romberg wegen Trunkenheit und Verschwendungssucht. Man legte so überzeugend dar, daß Romberg das gesamte Familienvermögen - und damit das Erbe seiner Kinder - verschwende, daß es noch im Laufe des Jahres 1881 zum Prozeß gegen ihn kam, der bis November 1882 dauerte. Durch die Gegenargumente seiner Anwälte lehnte das Gericht den Antrag ab. Nachdem Giesbert von Romberg wenige Jahre später die Herrschaft auf seinen ältesten Sohn Clemens übertragen hatte, zog er sich auf seinen Altersruhesitz auf Schloß Buldern zurück, wo er am 24. November 1897 verstarb.
So sehen, sachlich betrachtet, die Fakten zum Leben Giesberts von Romberg aus - die einzigen Tatsachen, die sich anhand der überlieferten Dokumente zeitlich einordnen und den äußeren Rahmen dieses Lebens bestimmen lassen. Ein wenig abenteuerliches Dasein sollte man meinen. Dieser Eindruck wird bestätigt, wenn man die bekanntesten Fotos Rombergs betrachtet.
Die Aufnahmen zeigen einen ernsthaften Mann mittleren Alters im Reitdreß. Standesbewußt, mit Kaiser-Wilhelm-Bart und ernstem Blick - nichts weist auf die vermeintlichen Tollheiten hin, die ihm nachgesagt werden. Er hinterläßt eher den Eindruck eines sensiblen Charakters.
Mit der Übernahme der standesherrlichen Verantwortung und der Befreiung von der väterlichen Bevormundung, schuf sich Giesbert von Romberg ein Ventil, das spätestens seit dem Tod Friedrich Wilhelm I. von Preußen (1740) und der Übernahme der Herrschaftsgewalt durch seinen Sohn Friedrich II., den Großen, bekannt sein dürfte. Endlich im Besitz der Unabhängigkeit und im Genuß der Pfründe, beginnt der Sohn ein Leben, das allein von ihm bestimmt wird. Ansätze seines späteren Lebenswandels zeigten sich allerdings schon bald nach dem Krieg von 1866, aber erst seit 1869 kamen sie völlig zur Entfaltung. Romberg löste sich von den streng katholischen Konventionen und dem daraus resultierenden konservativen Charakter des westfälischen Adels. Das Geld floß ihm - nun nicht mehr von den knapp gehaltenen Wechseln des Vaters abhängig - aus den Händen, und bald rühmte man im Volk seine Großzügigkeit. Von der Mehrheit seiner adligen Standesgenossen zur Unperson erklärt, wurden seine Extravaganzen durch deren Borniertheit erst recht provoziert. Zwar konnte man seinen Rang und seine Person nicht umgehen, doch vermied man den Umgang mit ihm. Einzig die Söhne der Adligen und die Angehörigen des Offizierkorps zählten zu seinem Männerfreundeskreis. Seine Festivitäten und Gelage genossen bald einen zweifelhaften Ruf, der für die adligen Münsterländer mit Ausschweifungen und Verschwendung verbunden war. Romberg, dessen Familie erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts zum katholischen Glauben konvertierte, und der sein Geld innerhalb der neuen Industrien verdiente, war den agrarisch orientierten Adligen des Münsterlandes ein Ärgernis.
Einzig die regelmäßigen Besuche in Münster - im Romberger Hof und im Café Midy fand er ein zweites Zuhause -, in Köln und Dortmund bewahrten Romberg vor ermüdender Langeweile und geistiger Verelendung auf seinen westfälischen Gütern. Eine Verelendung, die von der geistigen Enge des westfälischen Katholizismus und der Einhaltung der geltenden Konventionen geprägt wurde und die Annette von Droste-Hülshoff schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts kritisiert hatte.
Romberg begann 1869 seine 'verlorene' Jugend nachzuholen und entfaltete sich zu einer doppelgesichtigen Persönlichkeit. Einerseits mehrte er weiterhin erfolgreich das Familienvermögen und sorgte mit guten Kapitalanlagen für hohe Zinserträge, andererseits entwickelte er einen anarchistischen Charakterzug, der auf eine cholerische Ader seines Temperamentes hinzuweisen scheint. Die glaubwürdigen Aussagen von Zeitzeugen und die erhaltenen Rechnungen diverser Wirtshäuser und Cafés weisen auf Anfälle von Zerstörungswut hin, bei denen Romberg und seine Gäste Teile von Mobiliar, Geschirr, Musikinstrumenten und sonstigen zerbrechlichen Sachen zerstörten.
Sein Reichtum erlaubte Romberg derbe Eskapaden, und er gefiel sich in der Rolle des großzügigen Standesherren, der für die Schäden, die er und seine Gäste anrichteten, aufkam. Zu seinem Selbstverständnis gehörte auch, was der Inhaber des Kölner Thalia-Theaters anläßlich des Entmündigungsprozesses gegen Giesbert von Romberg 1882 zu Protokoll gab:
Als ich ihn fragte, wie er mit seiner physischen Kraft die oft 2 bis 3 Tage ununterbrochen dauernden Gelage aushalten könne, antwortete er, daß dies sein Wille sei, er wolle Geld ausgeben, damit es nicht von ihm heiße, er sitze auf seinem Geldsack.
Die im Stadtarchiv Münster überlieferten Rechnungen, Zahlungsbefehle und Zeitungsberichte lassen ein Bild aufkommen, das dem der Legende entsprechen mag - wenn sie falsch ausgelegt werden, wie es bisher der Fall war! Eine kritische Überprüfung der Rechnungen eröffnet ein anderes Bild und trägt zur Entzerrung des Mythos bei: Ja, es ist zerbrochenes Geschirr festzustellen, auch Mobiliar; aber bisher blieb unberücksichtigt, daß die Rechnungen (s.o.) jeweils für ein ganzes Jahr oder mehr geschrieben wurden. So weist eine Rechnung für die Jahre 1869 bis 1871, die Midy im Juli 1872 in der Rombergschen Rentei vorlegte, auf 33 Seiten einen Rechnungsbetrag von rund 6.500 Talern nach. (Immerhin war das annähernd soviel, wie Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zwanzig Jahre zuvor für den prächtigen Wiederaufbau des Altenberger Doms bereitstellte. Vergleicht man die Summe mit dem durchschnittlichen Einkommen eines Arbeiters und den damaligen Lebenshaltungskosten, so ist sie - auch nach heutigen Maßstäben - ungeheuer.) Es lassen sich insgesamt etwa 300 Besuche während dieser Jahre verzeichnen. Interessant sind die Rechnungen auch hinsichtlich der Postenverteilung: Beträge für entliehenes Geschirr, Personal, Transporte von Speisen, Ausstattungen bis hin zu Blumengebinden, Musikerhonorare und -verpflegung machen einen nicht unerheblichen Betrag der Gesamtrechnung aus. Die Ehrlichkeit des Rechnungsausstellers muß vorausgesetzt werden, denn es war bekannt, daß Romberg die Rechnungen nie selbst prüfte, sondern an die Rentei zur Begleichung weiterleitete - und es scheint kaum möglich nach ein, zwei oder drei Jahren einzelne Posten eines Festes noch nachprüfen zu können. Die einzelnen Tagesrechnungen Rombergs bei Midy zeugen nicht von einer besonderen Lust zur Ausschweifung: So mußte er für den 1. Oktober 1871 eine Flasche Sekt und 20 Butterbrote für die Musiker bezahlen, sein eigener Verzehr waren 1 3/4 Flaschen Sekt. Üppig fallen die Rechnungsbeträge nur aus, wenn Romberg zum Ball oder zum Gelage einlud. Dann wurde aufgetischt, was das Haus Midy bot: Wachteln, Fasanen, Schweinebraten, Teegebäck, Sekt, Wein, Cognac, etc. - man gewinnt durch die Rechnungen einen trefflichen Einblick in die Kunst der Bewirtung jener Zeit.
Insgesamt kann man hierbei nicht von einem ausschweifenden Lebenswandel sprechen, sondern konstatiert eher Großzügigkeit des Gastgebers seinen adligen Standesgenossen gegenüber, denn der Sekt, den die Musiker tranken - so sie ihn denn bekamen -, kostete nur den Bruchteil von dem Champagner, den die Adligen 'soffen'. Während die Gäste anläßlich einer Feier für den Herrn von Fürstenberg mit Filet und Champagner versorgt wurden, erhielten die Musiker auf Wunsch der adligen Gesellschaft Butterbrote - durchaus standesbewußt.
Wenig Auskunft geben die Rechnungen hinsichtlich einer Trunksucht des adligen Herrn. Mit Ausnahme weniger Daten ist nicht vermerkt, ob Romberg allein oder mit Gästen das Gasthaus besucht hat. Manchmal läßt sich an der Menge des verzehrten Essen feststellen, daß Romberg mehrere Gäste hatte. Aber eben nicht immer! Vorausgesetzt, daß er allein war, so sind die Menge der geleerten Flaschen nicht unbedingt normal zu nennen, aber auch nicht so ungewöhnlich hoch, daß der kritische Interpret eine Trunksucht vermuten oder gar konstatieren würde. Sicherlich weisen die Rechnungen - auch seines Friseurs Hugo Sandvoss aus Münster - auf einen aufwendigen Lebensstil Rombergs hin, aber dieser deckte sich mit dem Lebensstil anderer Adliger in Preußen zu dieser Zeit, deren Leben nicht die Grundlage sagenhafter Volksmythen bildete.
Die einzigen Quellen, auf denen man sich der historischen Person Giesbert von Romberg nähern kann, sind die Unterlagen zu dem Entmündigungsprozeß. Die Gerichtsakten existieren heute nur noch in den Abschriften des Anwaltbüros Peus, das die Verteidigung Rombergs führte, und sie geben Auskunft über Prozeßverlauf, Zeugeneinvernehmung und Urteil. Auch hier ergibt sich ein anderes, dem Mythos entgegenstellendes Bild: Der Antrag der Romberg-Vettern, der eine Aufzählung von 'Hören-Sagen-Vorwürfen' ist, spricht deutlich von ungeheuren Ausgaben, die Romberg in den Jahren machte. Er läßt aber auch Rückschlüsse auf die Motivation der Kläger zu, die nachdem sie - wie alle Familienmitglieder - ausbezahlt waren, neue Zugriffsmöglichkeiten auf das Rombergsche Vermögen suchten. Der Tod der Ehefrau und die Unmündigkeit der Kinder lieferten den Klägern zusätzliche Argumente. In den neun Begründungspunkten für ihre Klage unterstellten die Kläger Romberg Verschwendungssucht, Trunksucht und Brutalität gegenüber seiner Umwelt. So sollte der Restaurateur Louis Midy bezeugen, daß Romberg jährlich eine Rechnung von 20.000 Mark hinterließe. Zum Bedauern der Kläger konnte keiner der genannten Zeugen auch nur einen Klagevorwurf bestätigen. So erklärte Midy, daß die Rechnungen - immer pünktlich bezahlt -, nie so hoch gewesen seien und der Baron sein Haus seit 1878 nur noch sehr unregelmäßig besuchte. Im Vergleich zu den früheren Jahren fielen nun die Rechnungen auch um vieles geringer aus. Darüber hinaus bestätigte Midy die Freigiebigkeit Rombergs und betonte, daß er zumeist nur seinen Anteil am Honorar der Musiker bezahlt hätte. Der Musiker Fuß - ein weiterer Zeuge der Anklage - bezeugte, daß er nie gesehen habe, wie Romberg Gäste oder Musiker mit Wein- oder Champagnerflaschen tractiert hätte. Auf der Grundlage solcher Aussagen konnte die Verteidigung nachweisen, daß selbst der aufwendige Lebenswandel Rombergs nicht zur Schmälerung des Rombergschen Besitzes führte. Es sei Romberg nicht einmal gelungen, die erträglichen Zinsen seines Vermögens auszugeben; das Vermögen erfreue sich sogar stetiger Vermehrung. So sei Romberg 1870 Angehöriger der 17. Stufe der Einkommenssteuer gewesen, 1881 aber der 28. Stufe zugeteilt worden, was ebenso eindeutig für die Vermögensmehrung spräche wie der Ankauf des Gutes Gammelgard. Logische Konsequenz der von der Verteidigung dargelegten Argumente war die Abweisung der Klage.
Resümierend - jenseits jeder Exkulpation - ist festzustellen, daß der historische Romberg nur wenig mit der heutigen Legende gemein hat. Im großen und ganzen lobten die Zeitgenossen seine Großzügigkeit und seine Neigung zu großen Festen, fürchteten aber auch seine Unberechenbarkeit. Zwar war sein Ansehen wegen seiner wenig geübten Zurückhaltung, seiner renaissancehaften Allüren und weil er sich nicht an die vorgegebenen Normen seines Standes hielt, ramponiert, aber sonst sticht sein Lebenswandel im Vergleich mit anderen deutschen Adligen seiner Zeit nicht sonderlich hervor. Auch die häufig kolportierten wilden Ritte und Wagenfahrten des Barons waren - und insofern sind hier auch die Aufzeichnungen des Rentiers Ferdinand Zumbusch (s.u.) glaubhaft -, keineswegs außergewöhnlich für seine Zeit: Die Söhne adliger Herren und Mitglieder des Offizierkorps gefielen sich in ausgefallenen Mutproben. Ausgefallen waren allenfalls die Feste, die Romberg zu feiern verstand: Historisch verbürgt sind großartige Feuerwerke, Böllerschüsse, von denen alle Fensterscheiben von Schloß Buldern oder Schloß Brünninghausen zersprangen, Schießübungen im angetrunkenen Zustand auf leere Champagnerflaschen oder seine Gäste und ähnlich anarchistischer "Schabernack", für den Romberg auch Bekanntschaft mit der Staatsanwaltschaft machte.
Für die - durch die literarische Verarbeitung - tradierten Späße Rombergs gibt es keine Belege. Mögen verschiedene Geschichten auch einen minimalen Wahrheitskern haben und Ausfluß von Rombergs Trunkenheit oder Temperament gewesen sein, die Mehrzahl der Erzählungen sind zweifelsohne erfunden, also Produkte schöpferischer Phantasie und entbehren jedweder historischer Grundlage. Hierfür spricht auch, daß sich die Legendenbildung erst seit Mitte der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts entwickelte.
Zur Entstehung des Bomberg-Mythos
Die Legenden, die um die Person Giesbert von Romberg ranken, fanden seit den zwanziger Jahren ihren Niederschlag in Romanen und Anekdotensammlungen, die ihrerseits nicht unbeträchtlich zur weiteren Legendenbildung beigetragen, ja sie sogar erst bewirkt haben.
Die erste literarische Verarbeitung der Person geschah 1874 durch den Zoodirektor Münsters, Hermann Landois. In seiner dialektsprachlichen Romanreihe Franz Essink widmete er dem Här von Bullrig ein Kapitel, in dem Rombergs Trinkleidenschaft und Liebe zur Musik verschlüsselt thematisiert wurden. Obwohl das Buch bis 1924 vierzehn Auflagen mit insgesamt 14.000 Exemplaren erreichte, war es über das Münsterland hinaus wenig bekannt, zumal man sich damals in Münster kaum mehr des Namens Landois' erinnerte, wie Freunde Landois' 1922 bedauernd feststellten.
Ein eigenes Kapitel widmete auch Carl Prümer in seinen Schelmenstreiche niederdeutscher Käutze (1. Auflage zwischen 1914 und 1918) dem tollen Baron und legte mit seinen Anekdoten, die nur sehr allgemein blieben, die Grundlage der literarischen Auseinandersetzung, obwohl Prümer nur die Anekdoten Landois' modifizierte. Prümers nicht unkritische Feststellung hinsichtlich des Barons lautete: Wenn die Menschen unfähig sind, sich nützlich zu beschäftigen, werden sie leicht Flitzenfänger.
Kurz nach dem Erscheinen des bekanntesten Bomberg-Buches veröffentlichte die Dortmunder Zeitung Tremonia 1923 die Erinnerungen des ehemaligen Rombergschen Rentiers Ferdinand Zumbusch unter dem Titel De dulle Romberg. Inwieweit es sich hierbei um die veröffentlichten Orginalerinnerungen handelt oder der zuständige Redakteur in Kenntnis des Winckler-Buches überarbeitend eingriff, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Angemerkt werden sollte aber, daß die Erinnerungen Zumbuschs rund 50 Jahre nach dem Berichtszeitraum erscheinen, so daß in jedem Fall die wiedergegebenen Dialoge unglaubwürdig sind. Auch finden sich Anekdoten bei Zumbusch wieder, die aus dem Bomberg-Buch stammen, das Anfang des Jahres 1923 erschien. Darüber hinaus sind die Zumbusch'schen Erinnerungen das einzige Zeugnis über Grundcharakterzüge des Barons, auch wenn eine kritische Überprüfung Erinnerungsfehler nachweist. Zumbusch beschreibt den Baron als
hervorragend talentiert, von leichter sicherer Auffassung und klarem Blick, großzügig in allen seinen Ideen, nie kleinlich, von seltener Gutmütigkeit, bestechender Liebenswürdigkeit, immer bereit, seine Mitmenschen zu beglücken, von Kopf bis zur Sohle ein Kavalier, dem seine ganze äußere Erscheinung entsprach. [...] Allein mit diesen hervorragenden Eigenschaften paarten sich bis an Unmöglichkeit grenzender Leichtsinn, Hang zu Prunk und Wohlleben, im Rausch unberechenbar zu den tollsten Streichen jederzeit aufgelegt.
Allein schon die Kritik am "Hang zu Prunk und Wohlleben" entlarvt die Haltung des Westfalen Zumbusch am Weltmenschen Romberg.
Das Buch, das noch heute die Legendenbildung um Giesbert von Romberg beeinflußt und das aus Giesbert von Romberg den tollen Bomberg machte, war Josef Wincklers Schelmenroman Der tolle Bomberg, der auch Wincklers eigenen literarischen Nachruhm begründete (zur Rezeptionsgeschichte vergl. Hans Günther Auch: Ist der Dichter aber ein Spaßmacher, der Feuer frißt vor den Herrschaften. Über die Wirkungsgeschichte des Tollen Bomberg. In: Josef Winckler: Gesammelte Werke. Band II: Der tolle Bomberg. Ein westfälischer Schelmenroman. Hg. v. Hans Günther Auch i.A. der Nyland-Stiftung. Emsdetten 1986 (Kommissions-Verlag Lechte), S. 345- 398).
Die lose Aneinanderreihung derber Späße zeigt die anarchistische Kraftfigur, die heute noch in den Köpfen der Westfalen spukt. Alle nachfolgenden Bücher über Bomberg - den Namen 'erfand' Winckler -, alle Theaterstücke, Gemälde, Filme oder Fernsehbearbeitungen basieren auf den Wincklerschen Anekdoten. Er schuf einen westfälischen Mythos, der mit Fakten nicht mehr zu entwirren sein wird. Dies verdeutlicht sich z.B. an wütenden Reaktionen, die den Herausgeber des Buches auch heute - fast 70 Jahre nach seinem ersten Erscheinen - noch erreichen. So schickte kürzlich eine Heeßenerin das gekaufte Buch an den Verlag zurück, da es historisch nicht genau sei. Man solle es zukünftig unter dem Titel Der tolle Bombach vertreiben und mit dem Hinweis versehen "Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig", da der geneigte Leser sonst meine, er bekäme etwas über den bekannten Baron von Bomberg zu lesen, was ja wohl augenscheinlich nicht der Fall sei. Hier zeigt sich, daß sich der Mythos vom tollen Bomberg schon verselbständigt hat und die literarische Vorlage zum Plagiat erklärt wird.
An der Mentalitätsbarriere der Münsterländer hinsichtlich ihres Bombergs mußte auch der Dramatiker Harald Müller scheitern, der mit seinem Theaterstück Der tolle Bomberg. Eine westfälische Komödie 1988 in Münster einen Reinfall erlebte. Die Darstellung Rombergs/Bombergs als Adligen mit Herrenmentalität wurde sowohl vom Publikum als auch von der Presse fast einmütig abgelehnt.
Das Aufkommen der sog. Bombergiana (Winckler) tat ein übriges, um die Figur Bomberg in den Köpfen der Westfalen zu verfestigen - mögen es nun die Gemälde des Berliner Kunstmalers Fritz Grotemeyer sein, die, mit einer Ausnahme, Anekdoten aus dem Wincklerschen Buch wiedergeben; die zwei Bombergverfilmungen aus den Jahren 1932 und 1957; der Bomberg-Schnaps, der 1957 anläßlich der Uraufführung des Bomberg-Films von einer Dortmunder Brauerei gebrannt wurde oder der Intercity der Deutschen Bundesbahn sein, der den Namen Toller Bomberg trug.
Der Wahrheitsgehalt einer Anekdote ist bekanntermaßen gering, da zumeist das Geschehen kolportiert und ausgeschmückt wird, aber ein wahrer Kern ist doch vorhanden. Daher muß auch Giesbert von Romberg zu einem gewissen Teil dem Bild entsprochen haben, daß die
frühen literarischen Erzählungen von ihm wiedergeben. Die wesentlichen Übereinstimmungen finden sich in der nachweisbaren Ablehnung der engen gesellschaftlichen Konventionen der münsterischen Adelsschicht und in der ausgeübten Lebenslust, die kaum Maß zu halten schien. Bei der Betrachtung der historischen Person darf jedoch nicht übersehen werden, daß Romberg als preußischer Offizier an einen strengen, aber selbstherrlichen Ehrenkodex gebunden war. Daß er sich über bestimmte Konventionen hinwegsetzte, weil er die finanziellen Mittel dazu besaß, bedeutet nicht, daß er sich gegen die Obrigkeit des Staates auflehnte, das gesellschaftliche System in Frage stellte oder gar ablehnte. Beachtet werden muß auch, daß Romberg ein weitgereister, weltoffener Mensch war, der sich nur schwer in die Enge der münsterländischen Verhältnisse einordnen lassen wollte. Durch seine Verbindungen ins Ruhrgebiet, Rheinland, nach Ostpreußen oder nach Holland kam er mit sehr unterschiedlichen Menschen und Lebenshaltungen in Kontakt, die bei ihm zu einer größeren Freiheit seines Denkens führte; eine Freiheit, die diametral zur Provinzialität des Münsterlandes stand. Die Familie von Romberg dementiert bis heute eine Übereinstimmung zwischen der tradierten Legende und der historischen Person; und sie tut gut daran sich, nicht an der Mythologisierung ihres Vorfahren zu beteiligen.
Es obliegt der schriftstellerischen Freiheit aus einer Zeitungsnotiz, einem historischen Vorbild oder menschlichen Grundkonstituenten eine Idee, eine kompakte Geschichte zu kreieren. Das Vorbild inspiriert den Künstler zur Ausschöpfung seiner geistigen Kreativität. Er orientiert sich an literarischen Vorläufern oder historischen Ereignissen/Personen, die er zur Grundsubstanz seiner Geschichte umdeutet, verzerrt oder übertreibt, denn er nimmt nicht in Anspruch eine historisch abgesicherte Biographie zu schreiben! Josef Winckler hat mit seinem Werk erreicht, was ein jeder Autor nur wünschen kann: Seine Kunstfigur Bomberg hat sich verselbständigt und ist in der Imagination der Westfalen lebendig, historisch real geworden - Der Volksmund dichtete an der Figur selbständig weiter (Winckler). Grund hierfür mag das Vorwort des Romans sein, in dem Winckler durch die Angabe von Quellenrecherchen und Zeitzeugenbefragung historische Realität evoziert, was durchaus legitim ist. Unterzieht man die Quellen allerdings einer kritischen Überprüfung, so werden sie als 'Scheinquellen' entlarvt. So distanzierte sich z.B. der befragte Rechnungsrat Eugen Müller nach der Veröffentlichung empört von dem Inhalt des Buches und betonte: Mit diesen ungeheuerlichen Gemeinheiten habe ich nicht das geringste zu tun.
Auf die nachfolgenden Bücher von Friedrich Kipp, Hubert Südekum oder Paulheinz Wantzen braucht hier nicht eingegangen zu werden, da sie im großen und ganzen die Wincklerschen Anekdoten oder Figurenkonstellationen (Landois/Bomberg) aufgreifen. Kipp und Südekum haben zweifelsohne ein Leserbedürfnis nach weiteren Geschichten erkannt und entsprechend gehandelt, Paulheinz Wantzens Buch wurde gerichtlich als Plagiat entlarvt. Die Bücher 'strickten' aber die Legenden weiter und vertieften den Mythos im öffentlichen Bewußtsein.
Die historische Person Giesbert von Romberg muß - so sie denn vom 'Volksmund' angenommen wird - zur Entmythologisierung der Legende Bomberg führen. Denn was scheint realer: Die Einrichtung einer Eisenbahnstation als Folge einer offiziellen Eingabe bei den zuständigen Behörden, oder deren Einrichtung als Zeichen der Kapitulation des 'Amtsschimmels' vor der anarchistischen Kraft eines Individualisten (Bomberg)? Sicherlich das erstgenannte! Die mythologisierende Kraft der Legende überträgt Sehnsüchte der Menschen - besonders in Krisenzeiten - auf einzelne, vermeintlich starke Charaktere, die so den Nimbus von Volkshelden erreichen. Dieses Phänomen ließe sich an den Personmythen Robin Hood, Don Quichotte, Schinderhannes oder dem amerikanischen Mythos vom far West (Wilder Westen) nachweisen. In Ermangelung realer Identifikationen schaffen die Legenden Vorbilder, die synonym für einen Volkscharakter stehen sollen und auf die Sehnsüchte projiziert werden, um dem täglichen Einerlei zu entfliehen - mag es auch nur für den flüchtigen Augenblick der Lektüre oder der Unterhaltung sein.
Bomberg steht als Synonym für Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Zwängen, für ein Leben als Aneinanderreihung von Saufereien, Raufereien, derben Späßen auf Kosten derer, die es verdient(?) haben, und halsbrecherischen Abenteuern. Giesbert von Romberg dagegen war - jenseits einer moralischen Bewertung - ein westfälischer Adliger - seinen Standesgenossen geistig weit überlegen-, der als Ausgleich für das große Maß an zu tragender Verantwortung ein Leben als Bonvivant führte und dessen Extravaganzen als Vorbild für einen Mythos herhalten müssen. Es wird Zeit, den Mythos Bomberg als literarische Fiktion zu entschleiern, ohne ihn aufzulösen. Auch Robin Hood, Don Quichotte und der Schinderhannes sind literarische Kunstfiguren, die sich in der Volkserzählung verselbständigt haben.


Wolfgang Delseit: Der "tolle" Romberg - Sturz eines Mythos? In: Rainer Krewerth (Hg.): Jahrbuch Westfalen '93. Münster 1992, S. 7-22

 


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