DTeddy Horsch (Hg.)

Bravo 1956-2006

 

München: Collection Rolf Heyne 2006

 

784S. - Hardcover mit Schutzumschlag

 

ISBN 3-89910-307-6

 

 

 

 

 

 

58,00 Euro

 
Gewichtig

 

Die einen haben sie gehasst, für andere waren ihre Berichte das Nonplusultra. Thomas Gottschalk las sie als Jugendlicher, Verona Pooth, ehemals Feldbusch, gibt zu, dass sie sie heute noch ab und zu liest.

 

Zeitweise betrug ihre Auflage über eine Millionen Exemplare (heute erreicht sie immer noch mehr als eine halbe Millionen – trotz immer enger werdendem Markt und großer Konkurrenz). Sie setzte Trends für Generationen von Jugendlichen, machte Stars und beeinflusste die Musikszene nachhaltig: Die Jugendzeitschrift »Bravo«, oft gescholten, mehrfach indiziert, umstritten und dennoch überlebensfähig, ist 50 Jahre alt geworden. Am 26. August 1956 erschien die »Bravo« mit einer Startauflage von 30.000 Exemplaren und einem Preis von 50 Pfennigen als »Die Zeitschrift für Film und Fernsehen«; erstes Covergirl war die noch junge Marilyn Monroe (sie war insgesamt auf 6 Covern abgebildet). Schon im dritten Jahr wechselte der Untertitel zu »Die Zeitschrift mit dem jungen Herzen«, bevor der Untertitel schließlich ganz verschwand. Rasch wuchs die Popularität der in erster Linie die junge, jugendliche Leserschaft ansprechenden Zeitschrift mit wöchentlicher Erscheinungsweise.

Drei Generationen Cover

Copyright: Collection Rolf Heyne

50 Jahre »Bravo«, das bedeutet: 2.600 Ausgaben, annähernd 200.000 Seiten Text und Bild, gebunden in über 150 Bänden dokumentieren fünf Jahrzehnte Jugendkultur. Dabei ist sie ebenso jung geblieben wie ihre Leserschaft. Grund genug, dieser Zeitschrift einen opulenten Geburtstagsband zu widmen, der sich wie eine Kulturgeschichte der Bundesrepublik liest. Fühl Dich BRAVO und tauche ab in die eigenen Vergangenheit.

Als Jugendliche in den vermieften 50er nach neuen Leitbildern suchte, präsentierte die »Bravo« ihnen eine neues Selbstverständnis: Stars wie Ruth Leuwerick, Brigit Bardot, Jayne Mansfield, Romy Schneider, Catarina Valente oder Christine Kaufmann verkörpern den neuen Frauentypus der 50er und 60er Jahre: Einerseits gehen sie selbstbewusst ihrer Arbeit nach, andererseits entfernen sie sich nicht zu weit vom traditionellen Frauenbild. Peter Krauss, Freddy Quinn und vor allem Horst Buchholz bilden den männlichen Gegenpart – gemäßigt wilde Typen, die doch ganz nett und adrett sein können.

Nachdem man es erst mit sog. Starfotos versucht hatte, kam bald die verkaufsfördernde Idee des lebensgroßen Starschnitt auf, der die Leserschaft über mehrere Ausgaben band; der erste Starschnitt zeigte 1959 Brigitte Bardot in schwarzem Body und Netzstrümpfen; Udo Lindenberg, Abba, E.T. und sogar Modern Talking (mit Dieter Bohlen) sollten folgen – 1974 anläßlich der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland brachte die »Bravo« in 13 Ausgaben ein Poster der deutschen Nationalmannschaft; bis 2004 erschienen 118 Starschnitte mit 190 Personen, zwei Hunden, einer Katze, einer Schildkröte und einer Harley-Davison (gefahren von Juliane Werding).

Eine wichtige Rubrik der Zeitschrift wurde Anfang der 1960 Jahre ins Leben gerufen: Die »Bravo« leistete Aufklärungsarbeit – die Zeit der Bienen und Blumen war vorbei. Jetzt wurde endlich »Tacheless« geredet, das Kind beim Namen genannt: Als »Dr. Christoph Vollmer« lieferte die Schriftstellerin Marie Louise Fischer 1962 einen »Knigge für Verliebte«, bevor sie 1969 durch »Dr. Sommer« und »Dr. Korf« abgelöst wurde, die seit dem (mittlerweile als Team) Jugendlichen bei Problemen der Pubertät und Sexualität mit Rat zur Seite stehen. Zeitweise erreichten rund 3.000 Zuschriften die Redaktion monatlich. Themen wie »Das erste Mal«, »Mein Körper« oder »Selbstbefriedigung« wurden – zum Leidwesen der Elternschaft – jugendgerecht und offen behandelt. Später kamen Fotostories dazu, die sich nicht scheuten nackte Körper zu zeigen. Hier erfüllte die »Bravo« sicherlich eine Vorreiterfunktion in Sachen Sexueller Aufklärung.

1958 fand die »Bravo« endgültig zu ihrem Profil und mutierte zur Musikzeitschrift. Jetzt zierten nicht mehr vorwiegend die amerikanischen und deutschen Filmstars die Cover, sondern Musiker wie Elvis Presley oder The Rolling Stones.

Die 60er Jahre wurden wilder, die Themen auch: Flowerpower, Woodstock, Minirock und »Bravo-Girl«, die ersten bebilderten Liebesgeschichten – und wenn auch die Haare der abgebildeten Stars länger wurden, so blieb der leicht antiquiert wirkende Stil der Titelseite noch erhalten. 1966 ein Coup für die Leser, als »Bravo« die Beatles zu einer dreitägigen Blitztournee nach Deutschland einlädt. Gleichzeitig wird die deutsche Schlagerindustrie nachhaltig gefördert. Die »Bravo« entdeckt Gerhard Höllerisch a.k.a Roy Black, den Schwarm aller Schwiegermütter, Rex Gildo und Drafi Deutscher.

Die 1970er wurden grell, laut, lustig: Uschi Glas gerierte sich für die »Bravo« als Vamp im »Star des Monats« November 1970. Diso, Punk und Teenbeat wurden vorherrschende, durchaus konkurrierende Musikrichtungen der Jugendkultur; Marc Bolan stieg mit »T.Rex« zur Ikone den Glam-Rocks auf, David Bowie installiert sein Image als androgynes Zwitterwesen.

In den 1980er Jahren erfährt erstmals auch das Titelbild eine gravierende Veränderung: es wird moderner, voller, informativer. Nicht mehr nur ein Star dominiert das Bild, es sind wahre Collagen, die sich die Grafiker einfallen lassen. Die Antipoden innerhalb der Jugend, hier »Popper« dort »Punker«, im Randbereich die »Skins«, blieben allerdings weitgehend unthematisiert. Der »saubere« Pop wurde propagiert, »schmutziger« Punk ignoriert.

Ähnlich ist die »Bravo« seit dieser Zeit verfahren und dass sie immer noch Einfluss hat, dass zeigte zuletzt der Erfolg der »Boygroup«, die unter dem Namen »Tokyo Hotel« firmiert, der ohne die permanente Berichterstattung der Zeitschrift so sicherlich nicht gelungen wäre. Der Markt hungert nach neuen Stars und Sternchen. Noch immer – und das in der fünften Generation – befriedigt die »Bravo« diesen Hunger. Infotainment, um es neudeutsch zu nennen, bildet selbst nach 50 Jahren immer noch den Kern der Arbeit der Redakteure – natürlich dem heutigen Lesepublikum angepasst.

Der schwergewichtige Jubiläumsband ist reich bebildert und durch die Erinnerungen verschiedener Beteiligter (Macher wie Stars) äußerst informativ. Insgesamt ein vergnügliches Blättern, das angereichert werden kann durch einen Blick auf die eigenen Jugendbilder, die uns Heutigen doch so fremd erscheinen und unseren Nachgeborenen oftmals den Ausspruch des Unverständlichen entlockt: »So habt ihr mal ausgesehen?!«

 

Style, Heft 4 / 2006, S. 97