Jung Chang / Jon Halliday:

 

 

 

Mao.

Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes

 

 

 

München: Blessing 2005

 

976 S., geb.

 

ISBN 3-89667-200-2

 

 

 

 

 

 

 

34,00 Euro

 
Mao – Mythos und Monster
 

»Mao Tsetung, der jahrzehntelang absolute Macht ausübte über das Leben eines Viertels der Weltbevölkerung, war verantwortlich für 70 Millionen Tote – kein anderer politischer Führer des 20. Jahrhunderts reicht hier an ihn heran«

lautet schon einleitend (S. 17) das Fazit von zwölf Jahren Forschungsarbeit, die Jung Chang und ihr Mann, der Historiker Jon Halliday, über den chinesischen Revolutionsführer (1893-1976) geleistet haben. Herausgekommen ist eine rund 800 Seiten umfassende Anklageschrift – nebst 200-seitigem Anhang und Register – des widersprüchlichen Lebens im 20. Jahrhundert – eine fulminante Studie zur Entmythologisierung: Über 400 Interviews wurden geführt, Archive von Peking über Moskau bis nach Washington akribisch durchforstet und zahlreiche Biografien ausgewertet.

Jung und Halliday enttarnen einen machtbesessenen Egomanen: Mit seinem brutalen Machtinstinkt und unter Ausnutzung sämtlicher sich bietender Mittel der Unterdrückung prügelte der »Große Vorsitzende« nach Jahren der Machtkonsolidierung das agrarisch geprägte China auf den Weg zur Industrienation. »Dieses Land muss zerstört werden, ehe es verändert werden kann« war die Marschrichtung Maos, die ihren letzten Höhepunkt in der »Großen Proletarischen Kulturrevolution« (1966) fand –; die Millionen Verhungerter und Ermordeter blieben Mao auf dem Weg zu seinem Ziel hinzunehmende »Kollateralschäden«. Ironie der Geschichte: Tatsächlich erbte China erst nach Maos Tod und der Öffnung des Landes nach Westen hin einen bis heute ungebrochen Boom.

In China selbst, so müssen auch die Autoren konstatieren, ist der Mythos Mao ungebrochen, Aufklärung oder gar eine Aufarbeitung hat bis heute nicht stattgefunden: Mao ist noch immer Idol, Vater und Gott breiter Teile der Bevölkerung – vor allem auf dem Land. Dreißig Jahre nach seinem Tod lassen sich Chinesen vor dem riesigen Portrait Maos auf dem »Platz des himmlischen Friedens« fotografieren und prosten ihm anläßlich der Gedenktage zu – ein Ritual, das in China nur den zu ehrenden verstorbenen Eltern zugedacht ist. In chinesischen Schulen und Universitäten gehören Maos Lehren immer noch zum Pflichtprogramm und noch immer bekennt sich die Regierung Chinas in ihrer Verfassung zum sog. Maoismus. Ob daran eine chinesisch-sprachige Übersetzung des opulenten Werkes etwas ändern wird, mag bezweifelt werden, denn auch im Westen gelten T-Shirts oder Anstecker mit Mao-Porträts weiterhin als schick und zuletzt apostrophierte ihn sogar die altehrwürdige »Zeit« als »Einiger Chinas« und »Philosophen des asiatischen Sozialismus«. 

 

Menstyle, Heft 1 / 2006, S. 103