Günter Grass

Beim Häuten der Zwiebel

 

 

Göttingen: Steidl 2006

 

480 S. mit 11 Rötelvignetten - Leinen mit Schutzumschlag

 

ISBN 3-423-20802-3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

24,00 Euro

 
Zwiebelsalat

 

Ein »unerhörter Skandal« erschüttert die kulturelle und politische Welt in Deutschland: der apostrophierte Moralist, Kleinbürger mit kaschubischen Wurzeln und Literaturnobelpreisträger Günter Grass war mit 17 Mitglied der berüchtigten Waffen-SS...

 

...und er hat es bis jetzt verschwiegen! Seine Biografen fühlen sich genasführt, Freunde hintergangen, die Journallie ruft zum fröhlichen Habererfeldtreiben auf, moralische Entrüstung macht sich breit: Entzieht ihm den Literaturnobelpreis, stellt seine Ehrenbürgerschaft von Danzig in Frage, nehmt ihm auch die anderen Auszeichnungen weg usw.

Ob nun PR-Gag oder Unterschätzung der öffentlichen Reaktionen mag dahingestellt sein: Dem Buch tut die ebenso moralische Empörung der Öffentlichkeit hinsichtlich der Verkaufszahlen gut (die Sperrfist wurde aufgehoben, der Verkauf startete früher als geplant); bezüglich des Inhalts, dessen also, was Grass mitteilen möchte, ist es eine Verkürzung, die weder Buch noch Autor verdient haben.

Dabei hat Grass eigentlich nichts verschwiegen, hat früher schon kund getan, ein Verblendeter gewesen zu sein, in Oskar eine Figur geschaffen, die älter, gereifter als er, zum Täter werden konnte. Auch seine nun öffentlich gewordenen Akten aus dem Kriegsgefangenenlager zeigen, was jeder schon früher hätte nachlesen können. Wie sehr Grass als Kind, als Heranwachsener, von der NS-Ideologie beeindruckt war, hat er in der Vergangenheit häufiger bekundet. Dies ist nun auch in seiner ersten Autobiografie nachzulesen, die den Zeitraum der Kindheit bis zur Entstehung seines bekanntesten Werkes »Die Blechtrommel« abhandelt. Und – nur um es vorweg zu nehmen: es ist ein fantastisches Spektakel geworden, in dem sich der alte, der urwüchsige Grass mit all seiner Sprachgewalt und seinem Sprachvermögen zeigt. Zum zentralen Motiv wird die Zwiebel, die beim Häuten Erinnerungsschicht um Erinnerungsschicht freilegt, manches Mal – wegen der beim Schälen entstehenden Tränen – Undeutliches herbringt, um sowohl den Autor als auch den Leser von der Brüchigkeit eigener Erinnerungen und ihrer Fassbarkeit zu überzeugen. Einzelne Sequenzen gemahnen an die literarischen Werke, geben weitere Hinweise auf deren Interpretation, legen Bezüge zwischen realem Erleben und fiktionaler Verarbeitung frei. Man rücke die Literatur wieder ins Zentrum und die Leserschaft wird es danken.

 

Menstyle, Heft 1 / 2006, S. 99