Claudia Seifert

Aus Kindern werden Leute, aus Mädchen werden Bräute

Die 50er und 60er Jahre

 

München: dtv-premium 2006

 

239 S. - Broschiert

 

ISBN 3-423-24525-5

 

 

 

 

14,50 Euro

 
Grün ist die Heide und Sonntags gab’s Volksmusik
 

»Als Einzelne wirkt die Frau wie eine Blume im Parlament, aber in der Masse wie Unkraut!« - Archaischer Rückruf der Frauen an den Herd.

 

Claudia Seiferts geschichtlicher Rückblick auf die ach so schönen 1950er und 1960er Jahren, als die geschlechterspezifische Rollenverteilung noch klar und Deutschland das »Wirtschaftswunderland« war, treibt dem Leser schmunzelnd die Tränen in die Augen. Kaum eine Epoche der deutschen Nachkriegsgeschichte erfuhr mehr Idealisierung und Verklärung als das Jahrzehnt zwischen 1950 und 1960, das tatsächlich von kleinbürgerlicher Enge, sexueller Intoleranz und gesellschaftlichem Spießbürgertum geprägt war. Die Elterngeneration hatte das Sagen: der Mann war noch Mann, der »Herr im Hause«, »Ernährer der Familie«, die Frau schützte als »treusorgende Ehefrau und Mutter« ihren »Göttergatten« vor »frei vagabundierenden« unverheirateten Frauen (bis zur ersten Justizministerin sollte es noch bis 1992 dauern, als Sabine Leutheusser-Schnarrenberger – nicht Hertha Däubler-Gmelin, S. 119 unten – ins Amt berufen wurde) und die Kinder waren fest in den Familienverband integriert. Das Medium Fernsehen steckte noch in den Kinderschuhen; für Ablenkung sorgte allein das Kino, in dem Heimatfilme auf dem Programm dominierten.

Seifert bleibt in ihrer Darstellung, ihrer Quellen- und Bildauswahl betont sachlich und ruft – ohne den den Zeigefinger zu erheben – die Alltagskultur und ihre geschlechterspezifischen Rollenbilder in Erinnerung; eine Zeit, die uns Heutigen unfreiwillig komisch erscheint, den Damaligen aber durchaus Ernst war. Ein unsentimentales, ein lesenswertes (Geschichts-)Buch über die autoritären Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, die in den späten 1960er Jahren mit dem Siegeszug der Pille, der sog. Beat-Generation und den Studentenrevolten ihr vorläufiges Ende fanden.

 

Style, Heft 3 / 2006, S. 98