Gered Mankowitz

 

 

The Rolling Stones

Out of their heads. Fotografien aus den Jahren

1965 bis 1967 und 1982

 

Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2005

 

2 großformatige Bände im Schuber mit jeweils rund 320 S.

 

ISBN 3-89602-5664-X

 

 

 

199,00 Euro

 
Sex ‘n Drugs ‘n Rock ‘n‘ Roll
 

Die einen, die »Beatles«, gibt es schon lange nicht mehr, die anderen, die »Rolling Stones« um Mick Jagger, Keith Richards, Brian Jones, Charlie Watts und Bill Wyman aber begeistern heute – wenn auch in anderer Zusammensetzung –, über 40 Jahre nach ihrem ersten Welterfolg »(I can’t get no) Satisfaction« (1965), noch ganze Generationen.

Mit ihrer Musik – erwachsen aus dem amerikanischen Blues – und Bühnenauftritten füllen sie weltweit Fussballstadien und Musikarenen. Zuletzt wurde den Briten und ihrem Star-Status mit einem Aufritt während des 40. »Super Bowl«-Finales (2006), dem größten amerikanischen Sportereignis, in Detroit Rechnung getragen.

Der im Dezember bei Schwarzkopf erschienene Band The Rolling Stones von Gered Mankowitz dokumentiert hautnah Ausschnitte aus dem Leben dieser Gruppe: Superlative reichen kaum aus. Allein schon die Aufmachung ist imponierend (und jeden Cent des Kaufpreises wert): Zwei großformatige Bände im (fast) DinA 3-Format in einem luxeriösen Schmuckschuber – Gesamtgewicht über 10 kg! Ca. 1.500 Fotos in Duotone und Farbe auf 200 g Kunstdruckpapier im FM-Raster gedruckt und als Zugabe zwei Plakate (60 x 90 cm) mit den Cover-Abbildungen.

Gered Mankowitz (*1946), der Fotograf und Urheber dieser Bilder, fotografierte unter anderem die Bands The Small Faces, Slade, The Eurythmics, The Verve und Duran Duran, die Sänger Suzi Quatro, Kate Bush und Elton John. Bekannt machten ihn jedoch seine Bilder des jungen Jimi Hendrix (ebenfalls bei Schwarzkopf erschienen) und der Rolling Stones. Er war 17, als Marianne Faithfull ihn bat, sie zu fotografieren. Er lernte ihren Manager kennen, der auch die Stones betreute und ihn im Jahr danach zu ihnen brachte.

Von 1965 bis 1967 arbeitete der junge Fotograf mit der seines Erachtens wichtigsten Band Englands zusammen: Er gestaltete Cover (Out of our heads, 1965, und Between the buttons, 1967) und begleitete die Gruppe während ihrer Tourneen. Im Spätsommer 1967 trennte sich die Gruppe von seinem Management und von Mankowitz. 1982 kam es noch einmal zu einer Fotosession im Auftrag der Zeitschrift Observer Magazine: Brian Jones hatte 1969 die Gruppe verlassen (er verstarb noch im gleichen Jahr), Mick Taylor war in die Gruppe aufgenommen und wieder rausgeschmissen worden und Ron Wood spielte seit 1975 als Gitarrist bei den Stones (offizielles Bandmitglied wurde er allerdings erst 1993). Die »Stones« hatten zwischenzeitlich Höhen und Tiefen erreicht, am Rande der Auflösung gestanden und waren Phönix gleich der Asche ihrer Selbstzerstörungswut entstiegen. Die Geschichte der Band ist mit Skandalen gepflastert: Drogen- und Sexexesse, Boykotte durch das Fernsehen, Fankrawalle (man erinnere sich der Ermordung von Meridith Hunter während eines Konzertes in Altamonta, USA, durch einen Hell’s Angel 1969), Verhaftungen und Verurteilungen wegen Drogenbesitzes verschafften den Mitgliedern das von ihrem Manager und Produzenten Andrew Loog Oldham gewünschte Image der »Bad Boys«, ein Image, dem die Stones heute längst entwachsen sind. Damals tobte das Establishment gegen die »ungewaschenen Langhaarigen« und die Jugend war begeistert.

Die Fotos entstanden im Studio Mankowitz‘, während der Bühnenauftritte oder an verschiedenen Locations in den USA und England. Anrührende Motive: Jagger mit Wyman erschöpft auf der Rückbank eines Autos, Richards noch unzerstörtes Gesicht, Jones, dem vor dem Auftritt noch kurz die Haare geschnitten werden (spätestens hier sieht man, von woher der Leadsänger der Gruppe Oasis seine Schnitt kopiert hat), in Tränen aufgelöste oder geistig völlig entrückte Fans, die Teddybären auf die Bühne werfen, bieder gekleidete Polizeibeamte in Zivil, die auf und vor der Bühne für Ordnung sorgen: die Bilder sind reizvolle historische Dokumente jener Jahre, als die Popkultur noch in den Kinderschuhen steckte, Equipment noch in Kleintransportern Platz fand, die Bühnenshow puristisch auf die Band und ihre Protagonisten reduziert war. Mankowitz begleitet diese Anfänge mit kurzen Einleitungen zu den jeweiligen Jahren, die zum einen die Hintergründe der entstandenen Bilder erläutern, zum anderen aber auch einen sehr intimen Einblick in das Gruppenleben erlaubt.

Den Einblick, den die Bilder gewähren, ist unverstellt, authentisch und realistisch: Nach den ersten Bildern mag man gar nicht glauben, wie diese brav anmutenden Jungs (heute würde jede Boy-Group wilder, verwegener aussehen), noch jenseits aller Superstar-Allüren, zum öffentlichen Ärgernis werden konnten. Ja, die Haare sind etwas zu lang für jene Jahre und die Mode ein wenig ausgefallen. Doch spätestens bei den Konzert- und Backstagebildern erkennt der Betrachter die Urgewalt, die in dieser Gruppe steckt (fast mag man bedauern, dass der vulgäre und rebellische Sound nicht lauter aus den Seiten dringt). Diese Wandlung wird, je weiter man in einem der beiden Bände blättert, in den Bildern augenscheinlich: Die Kleidung ändert sich, das Auftreten wird kalkuliert agressiver, die Jungengesichter sind durch das Leben gezeichnet. Brian Jones‘ sichtbarer Verfall durchzieht die beiden Bände.

Die letzten 25 Seiten des zweiten Bandes zeigen dann auch die Spuren, die Drogenexesse und Tourleben in den Gesichtern der Bandmitglieder hinterlassen haben. Und kaum ein Einleitungstext zuvor dokumentiert den Wandel, den die Gruppe durch ihren Erfolg gemacht hat, deutlicher.

Das Jahr 1966 ist wohl auch das interessanteste in den beiden Bänden, insbesondere wegen der Homestories, die Mankowitz exklusiv für die Stones schießen durfte. In ihnen zeigt sich, dass die Erfolgsgeschichte auch ihre positiven Seiten hatte: Jagger vor seinem neuen Aston Martin DB 6 und in seiner soeben gekauften neuen Wohnung oder Wyman in seinem neuen MG vor seinem eigenen Haus, Richards mit neuem Bentley, eigenem Pferd und ländlichem Anwesen in West Sussex – offenkundiger neuer Reichtum, fast schon als bürgerliches Idyll präsentiert. Insgesamt ein Buch, das nicht nur einen Teil der Bandgeschichte widerspiegelt, sondern auch den Beginn der Popkultur beeindruckend dokumentiert.

 

Menstyle, Heft 1 / 2006, S. 102